SICK OF IT ALL, COMEBACK KID, CANCER BATS / 06.11.2019 – Hamburg, Markthalle

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Oh oh, dieses Konzert hatte ich tatsächlich VERGESSEN, obwohl ich dafür Tickets gekauft hatte! Zum Glück erinnert mich ein Kollege, für den ich eine Karte mitgekauft hatte, am Vortag daran: „Geil, morgen SICK OF IT ALL! Ich hol dich ab, wa?“ – „Äh, das ist morgen? Fuck, ich hab Generalprobe, spiele eine kleine Rolle in so einem Schultheaterstück!“ Das ist letztlich wohl auch der Grund für den Fauxpas, denn die Karten hängen seit Anfang Juli an meiner Pinnwand, irgendwann kamen die Probentermine fürs Theater und mir war die Terminkollision nicht aufgefallen. Aber wir retten die Kiste durch eine Spontanplanung, indem ich einfach direkt von der Schule abgeholt werde und wir zackig nach Probenende gen Hamburg donnern. Dieser Plan klappt gut und ich denke sogar daran, vorher Kostüm und Schminke im Stile einer 80er Jahre Nazi-Witwe abzulegen…

                                                                                                                           

Es wird zwar knapp, aber gegen 20:15 Uhr stehen wir vor der Markthalle, trinken noch einen Humpen (Hektik bringt jetzt auch nichts mehr) und entern die Katakomben des schönsten Liveclubs Deutschlands (zumindest in dieser Größenordnung), dessen Zukunft ja leider gerade ungewiss erscheint. Verwirrung entsteht, als uns Markthallen-Kai unterwegs erzählt, dass die zweite Band gleich bereits durch sei. Hä, was da los? Ich stürme nun doch hektisch in die Halle. Doch Entwarnung, noch zocken CANCER BATS. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass wohl noch vorab ein lokaler Support gespielt hat. Die CANCER BATS brauchen lediglich einen halben Song, um mich mit HipHop-Gesang und Nu Metal-Riffs aus der Halle zu vertreiben. Da einige die Band später als Hardcore/Punkrock bezeichnen, könnte der gehörte Ausschnitt vielleicht auch der lustige Abschlusssong gewesen sein. Egal, kann weg.

 

COMEBACK KID habe ich ewig nicht mehr gesehen. Ich glaube, das letzte Mal auch mit SICK OF IT ALL 2006 auf einer dieser Hardcore-Festivaltouren mit unzähligen Bands auf dem Billing. Nach „Symptoms + Cures“ (2010) hatte ich die Band aus den Augen verloren. Und frage mich gerade, wieso! Denn COMEBACK KID überzeugen mit originellen Songs, die typische Hardcoreklischees umschiffen und dennoch Power und obendrauf klasse Melodien besitzen. Anfänglich fehlt den Saiteninstrumenten leider etwas die Präsenz im Mix, was sich aber nach dem ersten Drittel bessert. Der Sänger Andrew Neufeld ist ein witziger Typ, der u.a. erzählt, dass er es fast nicht pünktlich nach Europa bzw. zu dieser Show geschafft habe, weil man ihm bereits in Kanada nicht habe ausreisen lassen. Grund: Sein Pass sei nass geworden und damit nicht lesbar. Irgendwie konnte er sich aber Ersatz besorgen und seiner Band hinterher reisen, sodass er kurz vor dem Konzert bei der Markthalle angekommen sei. „False Idols Fall“ und „Wake The Dead“ gehen mittlerweile als Genre-Klassiker durch, mir gefällt aber auch auf Anhieb der eine oder andere mir bisher unbekannte Song, z.B. „Wasted Arrows“, der gut nach vorne geht und dessen Gesangslinien sich tief ins Gehirn bohren. Sehr unterhaltsam!

 

Die positive Energie von SICK OF IT ALL setzt die (fast?) ausverkaufte Markthalle vom ersten Song an unter Strom. So nah an der Bühne (keine Absperrung übrigens) lässt sich beruhigenderweise feststellen, dass die Bandmitglieder doch normalsterbliche Menschen zu sein scheinen, denn etwas zerknitterter sehen sie mittlerweile aus. Gleichzeitig aber irgendwie auch ikonischer, gerade von Lou, Pete und Craig könnte man sich kleine Actionfiguren gern auf den Schreibtisch stellen. Abnutzungserscheinungen? Null. Mit „Injustice System“ beginnt ein fulminantes Set, in dessen ca. 50-miütigem Verlauf ganze 21 Stücke gezockt werden. Diese Spieldauer wird im Netz kritisiert, ich finde sie eigentlich optimal, garantiert sie doch eine kurzweilige Show ohne Längen, in der die Power nicht eine Sekunde lang verlorengeht. Außerdem bleiben doch kaum Wünsche offen. Neben den Evergreens wie „Clobberin‘ Time“, „Step Down“, „Good Lookin‘ Out“, „Scratch The Surface“ oder „Just Look Around“ überzeugen auch „mittelalte“ Perlen, z.B. „Take The Night Off“ und „Uprising Nation“, und natürlich die Smasher der neusten Scheibe „That Crazy White Boy Shit“, „Self Important Shithead“ und „Bull’s Anthem“ (funktioniert super!). Lou Koller besitzt immer noch diese mitreißende Art, den Leuten Feuer unterm Hintern zu machen, die Ansagen sind top bis Weltklasse: „Come on sing with us! This next song is the ‘Bohemian Rhapsody‘ of Hardcore/Punk – ‘My Life’”. Gegen Schluss gibt’s einen Circle Pit der besonderen Art – um Lou herum, der sich samt Kabel, welches dann von einem Roadie mit ausgestrecktem Arm hochgehalten wird, mitten zwischen die Leute begibt. Durch den steilen Winkel des Kabels können die Freaks um den Sänger wetzen, ein herrlicher Anblick, den ich so auch noch nicht erlebt habe. „Built To Last“ markiert das Ende des Konzerts und darf gleichzeitig als Metapher für SICK OF IT ALL und deren Mucke verstanden werden.

 

Ich bin sehr froh, dass wir das trotz allem durchgezogen haben. SICK OF IT ALL lohnen sich halt immer noch und immer wieder.

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