KACKSCHLACHT, SCHAISZE, GORDON SHUMWAY / 07.12.2019 – NMS, AJZ

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Alter, ist das lange her. Das letzte Mal muss ich in den 90ern im Alternativen (oder Anarchistischen? Oder Aktion?) Jugend Zentrum in Neumünster gewesen sein. Wenn ich mich richtig erinnere, spielten da Slapshot aus Boston und Hardcore war gerade tierisch angesagt. Ich hätte damals nicht gedacht, dass der Bums heute immer noch steht, aber dies ist tatsächlich der Fall. Viel verändert hat sich nicht, nur das Bier ist selbstverständlich etwas teurer geworden und die sanitären Einrichtungen verströmen nicht mehr ganz so den Hauch von Pest, Lepra und Cholera. Alles andere an Neumünster ist aber immer noch scheiße.

 

Hin geht’s mit der Bahn. Da der dritte Mann abgesprungen ist, kaufen wir Einzeltickets. EUR 8.80 für die einfache Fahrt von Kiel nach Neumünster ist auch mal ne Ansage, da klappt den Klima-Aktivisten/innen der Unterkiefer runter und massig CO2 entweicht. Außerdem fällt der 17:25 RE aus und wir warten fast eine dreiviertel Stunde mit unterschiedlichen Bierdosen in der Hand auf die Abfahrt des 18:05 Zuges. Dadurch kommen wir 40 Minuten später als geplant in Neumünster an und der zuvor fest eingeplante Besuch der dortigen Kotzlöffel Filiale fällt aus. Das ist so richtig scheiße.

 

Gordon Shumway aus Kiel first. Wie viele Bands in Kiel gibt es eigentlich? Wenn pro Band in Kiel ein Zuschauer auf hiesigen Konzerten erscheinen würde, wären diese erheblich besser besucht. Der Name dieser „Combo“– so vermutet ein Kumpel am nächsten Tag – ist zurückzuführen auf die damals schon leidlich lustige TV-Serie „Alf“. In einer der Folgen bekommt besagter Außerirdische einen Tennisschläger auf die Birne und glaubt fortan, ein Gebrauchtwagenhändler mit diesem Namen zu sein. Ist hier vor der Bühne der Spaßfaktor höher? Ja, das ist er. 2 Mann, 2 Instrumente, 1 Meinung im Publikum. Der Bass fetzt fett wie eine E-Gitarre aus den Boxen und im Hintergrund prügelt das Schlagzeug munter vor sich hin. Dass hier ein Instrument fehlt, merkt kein Mensch. Ich möchte nicht wissen,  welche Anzahl von Verzerrern und/oder Verstärkern dafür nötig ist, aber es funktioniert. Der Sound ist – nicht nur hier – den ganzen Abend top und erinnert mich an die Alte Meierei, woran die anwesende Mischerin wohl nicht ganz unschuldig ist.

 

Die Texte des durchaus hippen Duos sollen gleichsam lustig und provokant sein, aber ich verstehe nicht sonderlich viel. Kann auch sozialkritisch sein, aber keinesfalls gegen Kapitalismus, denn der Merchtable ist reichlich gedeckt. Guter Opener, nur der unverschämte, räudige, fäkale Vibe der beiden folgenden Bands fehlt mir persönlich etwas. Wenn allerdings die Schwiegermutter in Spe zu Besuch ist, gäbe ich GS jederzeit den Vorzug vor Schaisze oder Kackschlacht. Es könnte ja sein, dass sie fragt, wessen Lärm da gerade aus den Boxen donnert. Und Alf findet sie ja lustig...zum totlachen sozusagen...

 

 

Gadelands Rache next. Oder Tungendsorfs? Oder Einfelds? Egal….schaisz egal!!! Schaisze her now...oder besser gleich! Nach kurzer oder eher mittelkurzer Umbaupause kommt  der Vierer (und manchmal Fünfer) aus der hässlichsten Stadt Nordeuropas auf die Bühne. Nach dem Support von Hass im September 2018 in der Schaubude und dem „Battle of the Exkremente“ Konzert zusammen mit Pisscharge bei Meiers vor nicht allzu langer Zeit, sehe ich die Trümmertruppe aus Neumünster nun zum dritten Mal in bummelig 12 Monaten. Das hat in diesem Jahr keine andere Band geschafft, wobei dieses Jahr ansonsten auch recht mau war. Außer im Hafenklang, da waren natürlich massig geile Bands. Muss hier mal erlaubt sein…

 

Zurück zu mighty Schaisze! „Deutschland in Flammen“ folgt „Heroin“ und vorne ist Stimmung. Natürlich ist dies noch der „lokale“ Mob, der hier abgeht -  aber nicht mehr lange, und man brüllt auch in Düsseldorf, Bamberg oder Schweinfurt „Nzs bxn – Blt ausktzn“.

 

Dicken Jora wurde mal gefragt, wen er als legitimen Nachfolger von Slime sieht und antwortete: „Feine Sahne Fischfilet“. Damit liegt er aber mächtig falsch. Es kann nur Mülheim Asoszial sein. Aber Schaisze? Nein, wie gewohnt rumpeln sie durch ihr Set und machen alles richtig. Das ist nicht glatt poliert oder durchgewienert – das ist Street! Sicherlich sind die Spitzen der Texte teilweise etwas überzogen, aber wenn dem Sänger die Adern am Hals beim Rausbrüllen der Texte anschwellen wie sonst nur Henry Rollins bei „Liar“ oder „Ghost Rider“, dann kann ich gleich dem Wolthers Philipp dieser „Frontratte“ ein gewisses Bühnencharisma keinesfalls absprechen.

 

Und einer anderen Formulierung des Kollegen muss ich auch zustimmen: Die Stimme weckt Bierdurst und das ganz gewaltig. „Smoke Crack, fight back“ folgt und ist jetzt schon aus der Setlist nicht mehr wegzudenken. Mit „NMS, wer will Stresz“ hat die Band eine Liebeserklärung an ihre Heimatstadt verfasst und der eine oder andere im Publikum bekommt der schönen Worte wegen feuchte Augen. Dazu sägt die E-Gitarre (trotz Verletzung des Gitarristen) vor sich hin wie zuletzt in den 80ern und der Bass wie auch das Schlagzeug geben den scheppernden Rhythmus vor. Großartig!

 

Mit dem selbstbetitelten „Schaisze“ wird zumindest für mich ein Highlight des bisherigen Schaffens ins Publikum gebrüllt und noch immer ist selbst Budni schaisze. So richtig schaisze.

 

Anschließend sind „Lieber Hacke als Höcke“ oder „Dialektik mit der Faust“ –  hier kritisieren manche Soziologen und Pädagogen im durchaus zahlreichen Publikum die Band - keine Einladungen zum Diskurs oder zu einer offenen Diskussion im Plenum. Nein, sie sind gelebter Konsens an der Schwale.

 

3 Konzerte, 3 Volltreffer. Schaisze. Und wer Schaisze nicht im kommenden Dremu Poll berücksichtigt oder ihre Konzerte besucht, ist schaisze. Aber mal so richtig schaisze.

 

 

Nun weg vom Fäkalien-Humor, hin zu Kackschlacht. (Was für ne Überleitung…).

 

Natürlich gibt es mehr als ein Konzert, dass ich verpasst habe. Und ich ärgere mich über jedes davon; aber wirklich erinnern kann ich mich nur an ein einziges. Mülheim Asozial, Kackschlacht und Panzerband? (Panzertape?, Panzerkette?) in Flensburg. Alle Bands waren mir zu der Zeit unbekannt und ich hatte jede davon in Verdacht, dümmlichen Fun Punk zu spielen. Also nicht hin. Schaisze, lag ich da falsch.

 

Heute steht also das erste Mal das Punk Duett aus Braunschweig vor mir auf der Bühne. E-Gitarre und Schlagzeug – dass hier der Bass fehlt, merkt kein Mensch. Womöglich wäre dieser sogar eher hinderlich; wie eine Kettensäge kommen die Akkorde scharf aus den Boxen. Als vermeintlicher Laie vermute ich, die Gitarre ist eine Oktave tiefer gestimmt, aber ich kann mich auch täuschen.

 

Gleiches mag für meine Einschätzung beim Publikum zutreffen, ich glaube, nach Schaisze sind die ersten bereits gegangen. Mächtig großer Fehler, Kakschlacht drehen noch einmal richtig auf. 2 Stimmiger Gesang, es geht nur nach vorne. Die für Hardrock oder Heavy Metal typische Ballade zum Ende fehlt völlig; die wäre auch scheiße. So richtig scheiße.

 

Nach meinem Dafürhalten liegt der Schwerpunkt der Setlist auf dem (bisher einzigen) Album der Band, persönlich favorisiere ich aber die drei Demos. Aber auch von denen werden Lieder gespielt und zuletzt wird für den etwas älteren Herrn im Publikum, der aussieht wie der Mann, der Weihnachten immer die Geschenke gebracht hat, auch noch „Das ist kein Punk“ gespielt. Und da „Früher“ ohnehin eingeplant war, ist alles super. Gerne wieder!

 

Um den Wolthers Phillip letztmalig zu zitieren: Am Ende werden noch die 3 Demo Eps von Kackschlacht „abgeerntet“ – und das, obwohl ich nicht mal einen Schallplattenspieler zuhause stehen habe. Aber was soll´s, ich spende ja auch an den World Wildlife Fund und bei mir im Wohnzimmer sitzt kein Panda Bär.

 

So richtig schaisze ist: Wir steigen am Bahnhof in die falsche Zughälfte ein und juckeln gemütlich in Richtung Flensburg. Aber alles andere wäre auch kein Punk. Vielleicht sollte man einfach öfter das AJZ besuchen, dann passiert sowas auch nicht mehr. Schön war´s.

Kommentare   

+2 #1 Philipp 2019-12-10 09:41
"Also, so nu aber nicht: Gordon Shumway ist Alfs eigentlicher Name, er wurde nur von den Tanners 'Alien Life Form' - kurz: 'ALF' - getauft. Auch bekam er keinen Tennisschläger auf den Kopp, sondern einen Stromschlag unter der Dusche und hielt sich nachfolgend nicht für einen Gebrauchtwagenhändler, sondern für einen Versicherungsagenten namens Wayne Schlegl. Etwas mehr journalistische Sorgfalt bitte!"
(Matthias Wolff über Facebook)
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