ARTHUR BROWN, BLACKBIRD MANTRA / 15.05.2025 – Hamburg, Indra
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Dienstag, 20. Mai 2025 14:36
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Seit 2022 ist ARTHUR BROWN wieder recht präsent. Prophecy Productions brachten das Album „Long Long Road” heraus, welches eigentlich überall positive Kritiken bekam. Ich wurde hellhörig und es fiel mir zeitgleich wie Schuppen von den Augen, dass ich ARTHUR BROWN tatsächlich noch nie gesehen habe, obwohl dieser durch „Fire“ bekannte Ur-Rock’n’Roller seit den Siebzigern (permanent?) aktiv ist und wohl sogar mal in Kiel gespielt hat. Da er jetzt auch auf diversen Metal- und Rockfestivals spielt, war ich voller Hoffnung, dass sich die Chance, ARTHUR BROWN live zu sehen, irgendwann ergeben könnte. Und tatsächlich – als einzige Clubshow zwischen diversen Festivalkonzerten soll ARTHUR BROWN heute im Indra spielen! Dass dieser Auftritt aber derart phänomenal werden würde, hatte ich nicht erwartet!
Bilder von Christian Kind und Michael Strecker.
Bitter: Gleich zwei Mitglieder unserer ursprünglichen Reisegruppe fallen wegen Krankheit kurzfristig aus, so dass Strecker und ich nur zu zweit fahren. Und was dem Ganzen noch die Krone aufsetzt: Es gelingt nicht, die beiden Karten vor der Tür zu verkaufen! Alle Personen, die sich dem Indra nähern, besitzen entweder schon eine Karte oder sind nicht interessiert. Das passiert mir jetzt nach ähnlichen Erfahrungen bei RIVAL SONS und BENEDICTION bereits zum dritten Mal! Seltsam, oder? Gehen die Leute nicht mehr spontan ohne Ticket zu einem Konzert? Ich mache das eigentlich ständig. Verrückterweise ist der Gig nicht ausverkauft, vielmehr hätte das Indra wohl locker die doppelte Menge an Zuschauern beherbergen können, als heute tatsächlich kommen. Allerdings bekommt der Abend dadurch eine persönliche Note, die vielleicht eine Facette des Zaubers ausmacht, von dem später noch die Rede sein wird.
Mit BLACKBIRD MANTRA eröffnet eine interessante Band. Es handelt sich um Hamburger, die Psychedelic Rock mit Garage- und Indie-Klängen kombinieren. Es ist immer schwer, sich völlig auf einen Opener einzulassen, der vor einer regelrechten Legende spielt. Aber BLACKBIRD MANTRA passen letztlich stilistisch gar nicht so schlecht zu ARTHUR BROWN, greifen doch auch sie auf 60er/70er Psych-Einflüsse zurück. Ich höre gerne zu. Zarte Melodien; gut gespielte, leicht folkige Gitarren; eine gewisse Leichtfüßigkeit, die von Melancholie kontrastiert wird. Hier donnert oder kracht es selten bis nie, die Musik besitzt eher einen schwerelosen und verträumten Charakter. Insgesamt ein Bonus, von dem ich vorher nicht wusste, dass ich ihn bekomme.
Es fällt auf, dass die Bühne liebevoll dekoriert wurde und mit Accessoires wie Schaufensterpuppen, Blumen und einer Videoleinwand den entsprechenden Hintergrund für die nun folgende Zeitreise durch mehrere Epochen der Musikgeschichte bietet. Die dafür zuständige Künstlerin wird später auch namentlich vorgestellt und gelobt, ist sie offenbar doch auch für die Kostüme und Masken der gesamten Band verantwortlich. Was für ein schöner Anblick, der teilweise surreal anmutet und mich in seiner Farbenpracht und seinen Details wiederholt an „Alice im Wunderland“ denken lässt, beinhaltet dessen fiktive Welt doch auch satirische Anspielungen und bildgewaltige Metaphern. Bei allem Staunen über die visuelle Ebene sind es jedoch die Musik und die Stimme ARTHUR BROWNs, welche das Konzert zur Sensation machen. Ich kannte vorher kaum einen Song, verfalle der Band aber vom Fleck weg. Die mannigfaltigen Assoziationen, die mir während der Darbietung in den Sinn kommen, kann ich gar nicht alle aufzählen. Das geht von DAWID BOWIE über THE DOORS bis hin zu DEEP PURPLE, gleichsam wirkt nichts übernommen, sondern völlig authentisch. ARTHUR BROWN tänzelt auf der Bühne hin und her, zieht in seinen verschiedenen Kostümierungen abgefahrene Grimassen, schwingt eine Feuerpeitsche und wechselt in den kurzen Pausen nahezu komplett das Erscheinungsbild. Und dieser Gesang! Mal klingt er zerbrechlich, dann wieder kräftig, mit langen hohen Schreien. „Fire“ kommt recht früh im ersten Drittel, aufgrund der niedrigen Decke ohne brennenden Hut, aber in einer fantastischen Version, bei der mir auffällt, dass ARTHUR BROWN den Text leicht geändert hat (statt „you are living like a little girl“ singt „…like a little boy“). Andere Stücke wirken auf mich aber sogar noch ergreifender, zum Beispiel das SCREAMIN‘ JAY HAWKINS-Cover „I Put A Spell On You“. Die Band brennt ebenso wie der Meister, wechselt zum Teil die Instrumente, feuert heißeste Rock’n’Roll-Salven mit irren Rhythmen, fiebrigen Gitarren und psychedelischen Orgelklängen ab. Die Instrumentalisten tragen ebenfalls Hüte und Masken, bleiben aber zwischen den Songs auf der Bühne, während ARTHUR BROWN immer kurz in einen Nebenraum entschwindet. Nach der Zugabe kommen alle ohne Maske zurück, was dann auch wieder eine besondere Wirkung hat. Der vermeintlich letzte Song ist ein Wahnsinnsjam, bei dem endgültig alle Anwesenden durchdrehen. Alle befinden sich nun in einem Rockrausch. Die vier Bandmitglieder kommen zusammen, packen sich an den Händen und tanzen wie vier Kobolde glücklich hüpfend im Kreis. Toller Moment! Danach guckt ARTHUR BROWN die anderen an, macht eine Geste, die unmissverständlich „Schluss“ bedeutet – nur um sich doch spontan umzuentscheiden, und ein weiteres „letztes Stück“ anzukündigen. Nach fast zwei Stunden ist das Publikum aber so begeistert, dass um eine weitere Zugabe gebeten wird. Indra-Betreiber Sam Harder wird gefragt, denn eigentlich war wohl bereits das letzte Ding „past curfew“. Aber Sam hat Bock, alle haben Bock und so gibt es noch eine wilde Rock’n’Roll-Abfahrt obendrauf. Pure Magie!
Ich rate ausdrücklich zum Besuch eines ARTHUR-BROWN-Konzertes! Dass der Mann demnächst 83 Jahre alt wird, war heute in keinem Augenblick zu merken. Die „Long Long Road“-LP ist übrigens gigantisch!
