NORKH, NIDARE, BLUAD, WINSELMUTTER / 19.07.2025 – Hamburg, Sauerkrautfabrik
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Freitag, 25. Juli 2025 10:04
- Geschrieben von Doom Fränk
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Ich weiß nicht warum, aber das letzte Video auf Youtube war zu Ende und dem eigenen Algorithmus folgend, zeigte das Videoportal automatisch das nächste Video an. In diesem wurden Metal Alben vorgestellt und bei einer Band blieb ich hängen. Jetzt kommt aber der Kracher! Eben diese Band spielt am gleichen Abend in Hamburg! In Hamburg-Harburg in der Sauerkrautfabrik!! Und in diese wollte ich immer schon!!!! Da wird man doch bekloppt!!!!! Also hin da!!!!
Vom Hauptbahnhof gleich in die S5 mit Endhaltestelle Harburg Rathaus und von da noch 400 Meter zu Fuß – ganz easy zu erreichen, auch wenn es südlich der Elbe ist. Der Einlass erweist sich dann doch als schwieriger. Von einem handgeschriebenen Zettel werden mir die Regeln vorgelesen: Keine freien Oberkörper, keine Fotos, Awareness Teams erkennt man an der gelben Sicherheitsweste, und noch ein paar Sachen, die habe ich aber vergessen. Ich frag mich in dem Moment, warum dies alles nötig ist. Im Hafenklang, im Logo, im Molotow oder im Knust gibt es sowas ja auch nicht, aber vielleicht zieht der Bums hier ja ein besonders asoziales Publikum. Das Foto Verbot kennt man ja schon aus der Roten Flora, da sich gerüchteweise die traurigen Reste der Baader-Meinhof-Bande irgendwo im Hamburger Metal Underground versteckt halten. Egal, alle super nett und freundlich und Eintritt lächerlich 5 bis 10 Euro. Das wird nachher auf 8 bis 10 geändert, aber das ist für das Gebotene eigentlich immer noch viel zu billig.
Ansonsten hat die Sauerkrautfabrik den morbiden und alternativen Charme wie die Alte Meierei in Kiel, obwohl sie erheblich kleiner ist – keine Ahnung, wie man hier mal Sauerkraut herstellen konnte. „Die erste Band startet gegen 19 Uhr. Kommt gerne rechtzeitig, da wir nur begrenzt Platz im Laden haben“, heißt es auf dem Flyer und ja, am Anfang ist der Laden auch prall gefüllt. Das wird sich zum Ende mehr und mehr ändern, aber das hast ja immer, wenn mehr als ein Support und ein Headliner spielen.
Zu meiner Verwunderung spielen Winselmutter als erstes – eben jene Band, die so positiv angekündigt wurde. Ich erinnere mich noch, wie ich zuerst auf den Namen der Band – allerdings in einem völlig anderen Zusammenhang – gestoßen bin. Wir wollten nach Bremen zu allmighty fuckin' Bolt Thrower in den alten Schlachthof fahren und zuvor Johannes abholen. Seine Mutter, die alte Martha Fröse, flehte weinend und auf ihren Knien, dass wir ihn nicht mitnehmen mögen. „Du immer mit deiner Winselmutter“, ätzte der Claasen Carl dann in der Karre. „Wir holen uns heute eine zünftige Death Metal Abreibung.“ Auf der Fahrt wurden dann zwar die ersten beiden Alben von Heather Nova gehört, die erwähnte Abreibung gab es dann aber wirklich. Mit blauem Auge und fehlendem Schneidezahn kehrte Johannes einen Tag später nach Kiel und zu seiner Mutter zurück. Inzwischen soll er nur noch Pop Musik hören und als stellvertretender Chefverkäufer beim Matratzen-Sultan in Schuby arbeiten. Das ist aber egal.
Winselmutter sind nach einer im Norden eher unbekannten Sagengestalt benannt, die uns wohl am ehesten an die irische Banshee erinnert. Normalerweise besteht die Band aus Osnabrück aus 4 Mitgliedern, aber der Platz des Bassers Øgre Nokktvrn Extinctør (Tieftonterror) ist heute wegen Krankheit (oder besser: Pestilenz) nicht besetzt – stattdessen schmückt ein riesiges, umgedrehtes Kruzifix seinen Platz. Das sieht – gleißend hell angestrahlt – schon sehr evil aus. Fotos sind nebenbei verboten. Fehlt der Bass? Absolut nicht, Lunatic Scumfuck Vagabund [sic] an der „Streitaxt“ spielt, als wäre das Armageddon nur noch einen Wimpernschlag entfernt und das siebente Siegel bereits aufgetan. Ugror Blasphemikk Desecrator (Kreuzfeuer) am Schlagzeug leistet seinen rumpelnden und die Hihat (glaub ich) malträtierenden Beitrag. Das alles wäre aber nicht das pure Inferno, wenn nicht Eternal Chaos Witch ov Blackened Ritval Nights Rain or Shine (Klageschreie) anwesend wäre. Was für eine Atmosphäre! Theatralisch und mit ausschweifenden Gesten bewegt sie sich im roten (oder blauen?) Licht vor der Bühne und schreit, krächzt und bellt ihre verzweifelten Vocals unter maximaler Verzerrung in Richtung des gebannten Publikums. Rauh, ungeschliffen und primitiv knallt dem staunenden Publikum hier der Black Metal in die Fresse wie damals die Faust dem Johannes. Das ist zwar vereinzelnd auch mal schneller, aber auch gerne mal rumpelnd und dumpf wie die alten Venom. Vom Gesang mal abgesehen, würde ich dem Schlagzeug und der E-Gitarre durchaus eine gewisse Kauzigkeit attestieren, fernab von dem ansonsten von der Musik Industrie glatt geschliffenem Sound anderer Bands, die vermeintlich moderner klingen sollen.
Plötzlich geht das Licht an und das Awareness Team schwärmt sternförmig zusammen! Während des Konzerts gab es einen Alarm! Der mit einer viereckigen Bewegung der Hand angezeigte Videobeweis sorgt aber für Entwarnung – es gab keine Berührung! Das Licht geht wieder aus und Winselmutter lärmen in ihrem finsteren Ritual weiter ohne zuvor ihr Set unterbrochen zu haben. Ohne Witz, das ist mit Abstand der beste Black Metal, den ich seit Jahrzehnten aus Europa (und damit meine ich auch Skandinavien!!) gehört habe. Dunkel, finster, hoffnungslos und mit Stachelarmbändern, sehr coolen und bösen Bemalungen sowie einem drohend erhobenen Morgenstern dargeboten.
Der Rest des schwarzen Publikums sieht es ähnlich! Ohne eine Zugabe verlässt die erste Band des Abends die Bühne nicht! Zugabe!, Zugabe!, Zugabe!, Zugabe! Rufe erschallen und es geht weiter.
Super böser, stampfender wie auch verzweifelter Auftritt! Das erste Album Schattentod in der Leibeswelt ist so eine klare Empfehlung wie sonst nur die Mandelhörnchen von der Bäckerei Ölgemöller an den Elbbrücken. Ein durchaus längeres Gespräch im Anschluss zeigt die Band auch noch von ihrer megasympathischen Seite. Sie würden nebenbei auch gerne mal in Kiel spielen und ich werde @Herb und sein Chaos Kommando so lange damit bedrängen, bis die Winselmutter auch in Kiel ihr Unwesen treibt. Kleiner Tipp dafür an denjenigen, der in Oldenburg schon mal mit ihnen zusammengespielt hat und sich mir gegenüber ebenfalls als Fan(atic) ihrer outete: Es gibt ja künstliche Bärte zum Ankleben sowie die Black Metal typische Gesichtsbemalung. Das ist jetzt aber ein Insider….
Huch, das ist schon wieder viel zu lang geworden. Egal, das war es wert. Bluad next! Straight out of Rosenheim – oder korrekterweise from Rosenheim. Egal, ich denke, der Name ist bayrisch für Blut – kann aber auch falsch liegen. Später werde ich mich mit einer Konzertbesucherin darüber unterhalten, was das wohl für eine Musikrichtung war und wir beide gestehen uns ein, dass wir es nicht wissen. Nur eins ist klar – das hat aber mal richtig viel Druck auf der Leitung. Der Sänger geht ab wie Schmidts Katze, als sie erfahren hatte, dass die Brekkies beim Edeka ausverkauft sind. Schneller, treibender Sound mit fetten Gitarren, der sich wie Motörhead in keine Schublade stecken lässt. Der moschende, knieende, springende und den Mikrofonständer-schwingende Sänger Sänger Ben (oder Marci, Bella oder Dave) krächzt die Texte deutsch, englisch oder bayrisch(?) ins Mic und hat sichtlich Spaß. Wir auch – war gut und willkommen da, wo sie Hochdeutsch sprechen. Gerne wieder – leider keine Fotos, das ist ja verboten. Die wären aber was geworden…
In der Umbau Phase bemerke ich einen jüngeren Konzertbesucher. Ich hatte zuvor mit ihm über die vielen Vorteile von Billigbier gesprochen. Nun aber ist auf dem Rücken seiner Kutte ein Aufnäher mit neon-rosa Gaffa Tape abgeklebt. Über Burzum Tshirts und deren versteckte Bedeutung braucht man hier nicht reden, aber einen Aufnäher abzukleben finde ich doch schon etwas übertrieben. Wenn es so schlimm ist, dann soll man gleich Hausverbot erteilen – was auf der Jacke ist, ist auch im Kopf. Nichtsdestotrotz sollte man vielleicht auch die Unvernunft der Jugend mit einbeziehen und bedenken, dass gerade mit 18 oder 20 das Provozieren oder Auffallen ja doch nen anderen Stellenwert hat als in späteren Jahren. Ich wollte nachfragen, was das für ein Aufnäher ist, aber da stehen schon Nidare auf die Bühne und danach hat man sich aus den Augen verloren.
Der Sound in der Sauerkrautfabrik ist schon sehr geil. Ähnlich wie bei Meiers wird wohl die Kohle, die übrig bleibt, lieber in die Boxen gesteckt als in …. irgendwas Sinnloses. Die Band aus Berlin spielt laut Ankündigung Post Black Metal. Dazu ächzt und kreischt der Sänger durchaus Black Metal typisch und -passend, das besondere aber sind die 3 Gitarren. Zusammen erschaffen diese eine Atmosphäre, die einem Ozean gleichkommt, der jede Sekunde über einem zusammenzubrechen droht. Bedrohlich, massiv, unaufhaltsam. Dabei sind die Gitarristen gefühlt konzentriert am Werk und eine Konzertbesucherin wird freundlich ermahnt, diese Konzentration durch ein Gespräch nicht zu stören. Im Nachhinein durchaus verdient. Wenn das Ding hier nicht schon so lang wäre, würde ich hier gerne noch mehr schreiben, aber eine Auswertung dieser Punk und Metal Schmonzette hat ergeben, dass nach Zeile 72 sowieso keiner mehr weiterliest…keine Fotos wegen Fotoverbot. Sehr geiler Auftritt, die 3te geile Band in Folge. Super Booking! Das wäre eine Band, die Klemmsen sofort für das Kiel Explode geholt hätte. Naja, vielleicht macht er das ja noch, hatte ja lange genug Pause…
Norkh sind der gefühlt vierte Headliner des Abends. Ein kurzer Blick aufs Handy zeigt aber, dass mal wieder Schienenersatzverkehr angesagt ist. Inzwischen hat sich die Sauerkrautfabrik schon etwas geleert, es sind aber noch genug anwesend, die heiß auf den Death Metal der Berliner sind. Ich denke, es ist die brutalste und härteste Band des Abends vom Sound her und ich bin da ja eher das sogenannte Weichei, daher muss es nach bummelig 4 Liedern in Richtung Hautbahnhof gehen. Leider kein Foto zum Abschied, sonst könnte ich vielleicht überall noch etwas mehr schreiben.
Egal…die Rückfahrt eine Katastrophe. Der Bus fährt über jedes Dorf, hält an jeder Laterne und ist maßlos überfüllt. Immerhin erreicht er irgendwann Neumünster und nach 10 Minuten Wartezeit erscheint dort der RE7 „Fürst Pückler“. In dem Zug randalieren dann noch 2 völlig besoffene Osteuropäer, von denen einer nur noch eine Unterhose trägt. Da dachte ich mir tatsächlich, so eine Belehrung vor dem Betreten des Zuges wie in der Sauerkrautfabrik macht durchaus Sinn. Lieber vorzeitig belehrt als später zurechtgewiesen, sage ich immer gerne. Super Bands, @Herb Winselmutter checken! Alle anderen Bands natürlich aber auch!
