DIE SPITZ, LOCAL SUPPORT / 16.07.2025 – Hamburg, Molotow

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„Ich weiß gar nicht warum“, klagte letztens meine Tante Frieda. „Rupert (also ihre Deutsche Dogge) ist in letzter Zeit immer so spitz.“ Das mag bei einem Rauhaardackel ja noch ganz lustig klingen, bei einem 90 kg Hund, der nur aus Muskeln, Knochen und geschätzten 8 Gehirnzellen besteht, ist das dann aber doch etwas ganz anderes. „Das ist Nachbars Lumpi auch ständig“, erwiderte ich daraufhin beruhigend und wollte das Thema „spitz sein“ eigentlich zu den Akten legen. Plötzlich schoss es mir durch den Kopf!  Die Spitz spielen in Hamburg! Kleines Molotow war sofort ausverkauft!! Deswegen Hochstufung vom „Party – Club“ in den „Konzert – Club“ und dafür gibt es jetzt wieder Tickets (später ist natürlich ausverkauft)!!! Da Die Spitz in 3 Jahren so groß sein werden wie es Nirvana anno 1992 waren, kann es nur heißen: Hin da!!!!

 

DIE SPITZ

 

 

Das Molotow ist nach dem Umzug und Umbau wirklich schön geworden, wobei die Atmosphäre der ersten Location bei den Esso Häusern wohl nie wieder erreicht werden kann. Nichtsdestotrotz ist es viel heimeliger als der letzte Standort am Ende der Reeperbahn – für mich hatte das dortige Gebäude im Inneren immer so eine Discounter-Atmosphäre. Aber egal, heute geht es ausnahmsweise mal um geile Musik statt um anspruchsvolle Architektur.

 

MOLOTOW

 

Es eröffnen Local Support. Die kommen natürlich aus Berlin und nicht aus Wuppertal, aber das ist eigentlich ja auch egal. Der Name sorgt anfangs für Gelächter, da der Abend angekündigt ist mit „Die Spitz & Local Support“. Daraufhin halt die Frage: „Wer eröffnet denn für die Spitz?“ - „Local Support“ - „Ja, aber wer ist der Local Support?“ - „Local Support!“

 

Ok, vielleicht jetzt auch nicht mehr ganz so witzig und das ist eine Gemeinsamkeit mit der Musik der Local Supporter. Es geht sofort auf die Überholspur und zwar ohne Schulterblick oder Blinker links. Sänger Mike springt, hüpft, läuft nach links und nach rechts und dann wieder nach links und dann wieder nach rechts auf der für ihn eigentlich viel zu kleinen Bühne. Dazu schrubben der Basser und der Gitarrist auf ihren Instrumenten derweil die Schlagzeugerin die Trommeln zum Glühen bringt. Heraus kommt entweder ganz schneller Punk mit fetter Gitarre oder doch schon Hardcore mit ebenfalls fetter Gitarre - wobei der Vibe des ganzen für mich eher zu ersterem tendiert. Dazu wird der Gesang entweder gebrüllt oder geschrien – oder das Gebrüll und das Geschrei gesungen – ich weiß es nicht. Energie ist aber da ohne Ende und das heizt den Bums natürlich auch mächtig ein. Die Folge: die Temperatur steigt jenseits des roten Striches.

 

LOCAL SUPPORTLOCAL SUPPORT

 

Richtig interessant wird es, als die Instrumente im Kreis getauscht werden. Der Sänger wird Basser, der Basser sitzt am Schlagzeug, die Schlagzeugerin übernimmt das Gebrüll und Geschrei – nein, eher den Gesang – und ich glaube der Gitarrist macht nur einen guten Eindruck. Ich schau mal kurz auf die Bilder, ja, einen hübschen Schnurrbart haben sie alle – die Zeit der Vollbärte scheint zu Ende zu gehen. Das mit der Oberlippen-Bürste traut sich bisher – außer in Indien - ja auch nicht jeder. Kurzum: Der Local Support hat mächtig eingeheizt und kann demnächst zum Global Support aufsteigen.

 

LOCAL SUPPORT

 

Wenn ich zu dem Zeitpunkt, als Die Spitz die Bühne betraten, nicht schon so voll gewesen wäre, könnte ich mich vermutlich an mehr erinnern. So weiß ich nur noch eins: Das, was jetzt kommt, war aber mal so richtig geil! Ab Sekunde 1 herrscht das Chaos! Die Energie, die von der Bühne ausgeht, bricht sich einer Sonnenexplosion gleich ihren Weg in das Dunkel des Publikums - ja, der Menschheit.

 

DIE SPITZDIE SPITZ

 

„Ein Hype ist ein Hype ist ein Hype“, wusste schon der übergroße Heinrich Heine. Er verfasst dies in seinem eigenen Delirium des Jahres 1841 und legt es Atta Troll in dem gleichnamigen Werk in dessen vermeintliche Schnauze. Und der Hype um Die Spitz ist gerade grenzenlos. Die Europa Tour ebenso wie diverse Touren in den USA sind allesamt ausverkauft und im Molotow – ich weiß nicht, ob ich das schon geschrieben habe – wurde hochverlegt. Zusätzlich auf der ersten Tour in Europa und ohne(!) ein Album veröffentlicht zu haben, gleich auf dem Ruhrpott Rodeo spielen zu dürfen, kommt dem Ritterschlag gleich, den die kürzlich besprochenen Faetooth auf dem Roadburn erhalten haben. Trump hin oder her, aber kulturell sind uns die Amerikaner doch noch einen 4/4 Takt voraus. Immerhin haben wir dafür mighty OHL mit ihrem Jahrtausendwerk „Die Auferstehung“ und natürlich die Scorpions aus Hannover, die Engländer die Sisters und The Damned und Spanien Claudia González Díaz am Bass - aber ich denke, es versteht wohl jeder, was gemeint ist.

 

„We are Die (also der deutsche Artikel und nicht das englische Stirb! Oder sterbe) Spitz (nicht die Hunderasse sondern das, was Rupert und Lumpi gerade sind) from Austin, Texas (hier mal nicht Berlin)!“ – mit dieser Ansage sind alle Fragen geklärt. Ich war mal in Austin,TX und habe da Warning auf ihrer „Watching from a Distance“ Tour im Barracuda gesehen wie auch L.A. Witch im Sidewinder beim Red River, doch beide Clubs sind leider inzwischen wegen Corona geschlossen. Eins ist jedoch geblieben: Die Texaner rocken!

 

DIE SPITZDIE SPITZ

 

Die Spitz mischen ein erfrischendes Gebräu aus Punk, Hardcore und Grunge an, das zur allgemeinen Begeisterung nie in das kommerzielle, eingängige und biedere des US-Punks á la Green Day und Konsorten abrutscht. Dafür ist die Musik zu schnell, zu sperrig und zu unbequem. Schreie unterbrechen den ansonsten eher hingerotzten Gesang und Riffs werden bewusst schlampig gespielt. Das Happening, die Show – das Abliefern der spürbaren Energie – steht im Vordergrund und eitle Musik Professoren der Andrea-Berg-Musikhochschule mögen lieber draußen bleiben. Und das alles zieht! Der Aufforderung, mal einen Circle Pit zu machen, kommt das Publikum sofort(!) nach und das Molotow versinkt in der urbanen Apokalypse eines mäandernden Schlachtfeldes irgendwo in der verwüsteten Kurpfalz des Jahres 1622.

 

Des Erfolges wegen könnte der geneigte Leser schnell denken, hier hat die Musikindustrie alle Regler auf 12 gedreht, aber das ist ein großer Irrtum. Zu natürlich, zu unbequem und zu glühend heiß kommt es aus den Boxen und es wird Punk-as-Punk-can-be mit unrasierten Achselhaaren dargeboten. Teile der Band verschwinden immer wieder im Publikum, spielen ihre Riffs, und Zahlender wie auch Zahlungsempfänger feiern gemeinsam eine Kabale gegen das Herkömmliche, ja das Alltägliche. Eben das, was uns ansonsten ungepflegte, 70-jährige Männer in Spandexhosen und komischen Kopfbedeckungen präsentieren. Ein Hoch der Jugend! Ein Hoch uns!

 

DIE SPITZDIE SPITZ

 

Wir sind an diesem Abend im hier und jetzt angekommen. Durch die Wirren des tobenden Publikums hinter mir gibt es kein zurück! Das Licht flackert, die Boxen pfeifen aus geborstenen Hochtönern ein letztes Flehen. Eine der Gitarristinnen ist im Publikum verschwunden und lässt sich derart in die Höhe heben, dass sie mit dem Kopf fast in die Beleuchtung knallt. Die Bassistin spielt auf dem Rücken. Die Schlagzeugerin hat längst einen Drumstick verloren, aber versucht mit dem verbliebenen den Takt zu halten, indem sie ihn im Akkord von links nach rechts wechselt. Der alte Mann, der bei Eskröta Tage zuvor noch den Schlaf der Gerechten inne hatte, rockt plötzlich auf einem Tisch voller geleerter Cocktailgläser wie ein 50-jähriger und ich hätte jetzt so gerne ein volles, gekühltes Bier in der Hand wie selten zuvor. Worte können nicht beschreiben, was hier passiert! Dazu prasselt Musik auf uns herein, die mich am ehesten an schmutzige L7 erinnert, aber deren Druck in das Achteck treibt. Obendrein wechselt die Band die Instrumente, die Gesangsstimme und auch die Lieder. Ok, letzteres passiert ja eigentlich bei jeder Band, aber egal. Unfassbar in dieser Form!

 

DIE SPITZ

 

Nach dem Konzert sind wir uns alle einig: In so einem kleinen Bums siehst du die Band nie wieder! Die vorhandene Energie, der Lärm, das Erlebte hat alles gesprengt. Das Molotow sollte jetzt nebenbei mal dringend eine Renovierung vornehmen – der Abend hat alles hinweg gefegt, was zuvor glattpoliert und auf neu getrimmt war. Für mich tatsächlich neben Faetooth im Urban Spree ein Konkurrent auf das Konzert des Jahres – besser geht es eigentlich nicht. Ohne weitere Worte.

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