T.S.O.L., SLOPPY SECONDS, SHATTERED FAITH / 05.08.2025 – Hamburg, Hafenklang
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Dienstag, 02. September 2025 22:30
- Geschrieben von Doom Fränk
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Punk Bands aus Orange County - oder Kalifornien im Ganzen - gibt es wie Verspätungen bei der Deutschen Bahn – sehr viele! Ich erinnere nur an TSOL, Adolescents, Channel 3, D.I., Agent Orange und so weiter, wobei eben genannten auch alle schon in der guten, alten Schaubude gespielt haben. Das waren Zeiten – hat man damals leider nicht genug zu schätzen gewusst. Im Fall von D.I. sage ich besser „gespielt haben sollen“, ich erinnere mich nicht mehr daran, sie jemals live gesehen zu haben. Egal. Heute spielt die beste Punk Band des umgangssprachlich „Golden State“ genannten US-Bundesstaates mit einem super Support Programm im Hafenklang. Da kann es nur heißen: Im Zug bereits saufen und … hin da!
Unsere kleine Reisegruppe kommt also am Hafenklang an und wen sehe ich da auf einer der Bänke sitzen? Ich werd bekloppt!!! Jack Grisham! Ja, der Jack Grisham!!! Unglaublich, oder? Von TSOL!!! Da wirst doch bekloppt… Er sitzt da auf der Bank so einfach mir-nichts-dir-nichts vor dem Hafenklang!!! Ok, ich habe ihn schon öfters vollgelabert und die Band ist wirklich extrem publikumsnah, aber heute tauschen wir nebeneinander sitzend locker 45 Minuten geiles Gesülze aus und plaudern beide „aus dem Nähkästchen“ – wobei das seine natürlich viel praller gefüllt ist als das meine. Meins ist eher so ein kleines Set, wie man es heimlich aus dem Hotel mitgehen lässt…also das für Notfälle. Egal, das Gesabbel ist mit im ohnehin schon viel zu niedrigen Eintrittspreis inkludiert und das wird ausgenutzt! Was haben wir gelacht…ich zumindest… unglaublich! Jack hat mich trotz weltweiter Touren sogar wieder erkannt und das bevor ich ihn mit einem festen Schultergriff davon abhalten konnte, übereilt im Backstage Bereich zu verschwinden.
Dazu aber später vielleicht mehr, Shattered Faith stehen bereits auf die Bühne. Das ist tatsächlich mal eine OC Punk Band, die ich noch nicht kannte. Daran sieht man aber, wie geil das Billing heute ist. Die Bandmitglieder sind dem Gründungsjahr 1978 entsprechend auch nicht mehr ganz taufrisch, aber ich kann nicht sagen, wer davon aktuell wie lange schon an seinem Instrument am Schrubben ist. Sänger Spencer Bartsch ist denke ich noch ein Gründungsmitglied und sieht in seinem pfiffigen Knochen-Anzug mit passender Krawatte aus, als wäre er gerade erst dem eigenen Sarg entstiegen. Er entschuldigt sich anfangs für seine in Mitleidenschaft gezogene Stimme, aber ich finde das Kommende durchaus ok.
Einfacher, melodiöser Punk, der mich teilweise an ganz alte Bad Religion erinnert. Als Support super und ebenso als Einblick, was es damals und heute noch im Orange County gab oder gibt.
Jetzt kommt aber der Kracher! Neben mighty TSOL spielen heute abend noch die fuckin´ Sloppy Seconds! Sloppy Seconds, ich wiederhole es lieber noch mal! In dem Moment, als Sänger B. A. mit kleiner Verzögerung die Bühne betritt, hat es auch der Letzte in dem alkoholisierten Publikum begriffen: jetzt gibt es Junk, Junk, Junk und noch mehr geilen Junk Rock – und das im einfachen und eingängigen Stil der Ramones. Nicht zu kompliziert, aber dafür schnell, roh und stets mit treibendem Schlagzeug. Junk Rock statt Punk Rock!
3-Meter Iros haben andere, B. A. hat lieber ein Bier in der Hand – und die ganze Performance kommt Punk (oder Junk) as Fuck daher. Hier ist nichts schön gefärbt in den trendigen Farben der Platten-Industrie mit lustigen Klamotten und bunt, bunt, bunt. Nein, richtig schön asozial und mit geil hervorstehender Wampe spielt die Band ihre Lieder – vielleicht sogar Hymnen – darüber, wie geil es ist, fett zu sein, zu saufen oder Comics zu lesen. Oder sie beschreiben ausgiebig ihrem Hang für zur damaligen Zeit noch relativ jungen Darstellerinnen von Filmen, die eher auf ein erwachsenes Publikum zugeschnitten sind.
Die Band, die gerne auch als „Das Beste, was jemals aus Indianapolis, Indiana gekommen ist“ bezeichnet wird, dreht richtig auf und spielt praktisch ein „Best of“ ihres Œuvres. „Germany“ ist selbstverständlich auf der Setlist, aber auch Titel wie „I don´t want to be a Homosexual“, welches in der heutigen Zeit sicherlich keine andere Band mehr einfach so unter das rockende Volk bringen könnte oder würde oder dürfte. Dazu springt der Gitarrist, der Bassist grinst und der Schlagzeuger singt die Texte mit. Klasse Konzert und - sorry dafür - herrlich politisch unkorrekt. Ist das nicht aber auch eine Seite des Punk Rock (gewesen)?
„Von allen Orten auf der Welt spielen wir am liebsten in Hamburg“, erklärt uns B. A. mit seiner hohen Stimme und das weit mehr als gut gefüllte Hafenklang dankt es ihm mit Applaus. Nur auf die Frage „Why don´t Lesbians love me?“ haben wir alle zu unserer eigenen Verwunderung keine Antwort. Wir im Hafenklang lieben ihn aber ohne Ausnahme! Vermutlich „ohne Ausnahme“, naja, wer weiß das schon.
Eigentlich hätte das Programm bereits jetzt schon dafür ausgereicht, den Abend als „super“ oder „war richtig geil“ zu bezeichnen – aber TSOL betreten ja auch noch die Bühne. Leider fehlt heute das kongeniale Gitarre/Bass Duo Ron Emory/Mike Roche, welches wenn überhaupt nur mit dem Trouble´schen Gitarre/Gitarre Duo Rick Wartell/Bruce Martell verglichen werden kann. Ron hat Schulter und Mike wohl Parkinson. Traurig aber wahr, hoffen wir alle mal das Beste.
Als Ersatz hat Jack Grisham einen der Gitarristen von D.I. für die Tour abgeworben und sein Schwiegersohn in spe hat die vakante Stelle am Bass übernommen. Ja, da muss die Liebe zu der Tochter groß sein, wenn man Schwiegerpappi im miefenden Tourbus im Hochsommer quer durch die ranzigsten Clubs Europas begleitet und dafür auch noch zwei Mal die Alpen überquert. Aber auch weitere Familienmitglieder der Grisham-Family sind im Einsatz und verkaufen Merch, tanzen Pogo oder trinken Bier. Ich bin mir sicher, dass Jack Grisham, der seinen Lebensentwurf als aasigen Kommentar auf die Politik der Präsidenten Carter und Reagen konzipiert hat, im Grunde genommen alles richtig gemacht hat. Auf meine Frage, ob er selbst alles genauso wieder machen würde, antwortete er vor dem Hafenklang grinsend: „Yes, i would!“
Auf er Bühne nimmt er entsprechend seiner massigen Statur entsprechend Platz ein und bestimmt die Bühnenpräsenz von TSOL. Ich finde den Sound der Band heute härter als gewöhnlich und die Songs dementsprechend auch schneller gespielt. Der Gothic Punk Anteil ist heute viel niedriger als bei vorherigen Konzerten und der Hardcore Anteil viel höher. So kommen gefühlt die meisten Lieder heute auch aus der Frühphase von TSOL. Platz für das eine oder andere Joykiller Cover ist auch. Socialite wird mal wieder nicht gespielt, dafür Terrible People. Fuck you tough Guy, Code Blue, Sounds of Laughter, World War III und natürlich der mega Kracher Abolish Government / Silent Majority sind auf der Setlist, daher liefern TSOL schon mehr als ordentlich ab.
Ich hätte gerne noch etwas geiles Gesülze mit Jack nach dem Auftritt ausgetauscht, aber im Backstage Bereich sagten mir die Anwesenden, dass er diesen überstürzt kurz zuvor verlassen hätte und bereits – als einziger - im Tourbus nach Katowice unterwegs sei.
Tja, das ist schon Schade… aber vielleicht ergibt sich ja noch eine Chance beim nächsten TSOL Konzert in Hamburg.
Ohh, organisiert wurde die ganze Chose wieder von Klownhouse Tours. „Benny gehört ja zur Familie“, so Jack. Danke!
