(THEATRE OF HATE, KADEADKAS,) VIOFLESH, THIS COLD NIGHT, TRABEC / 01.11.2025 - Mexico Stadt, Viva La Muerte Fest, Foro San Rafael (Part 1)
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Dienstag, 18. November 2025 14:55
- Geschrieben von Doom Fränk
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In Mexico wird heute landesweit der Verstorbenen gedacht und die ansonsten schon völlig überfüllte Hauptstadt CDMX versinkt restlos im Chaos. Überall wandeln Skelette und Zombies zwischen den Lebenden und wären wir nicht auf 2.200 Meter Höhe bei 30 Grad, würde ich wegen letzterer denken, es ist KiWo. Gibt es eine bessere Idee, als heute ein kleines Festival zu veranstalten, um die Toten zusätzlich zu feiern? Hm...da gibt sicherlich einige. Über diese berichten aber zweifellos schon andere Internet-Schmonzetten mit anderen, aber gleichsam zweifelhaften Inhalten wie jene von eben dieser hier. Da die unfassbar geilen Theatre of Hate spielen, haben wir aber keine Wahl! Hin da!
Die U-Bahn ist wieder restlos überfüllt, aber immerhin geht es heute ohne Umsteigen zu dem Club in einen Stadtteil, dessen Namen ich nicht kenne. Die Einlasskontrolle dort ist natürlich...sagen wir mal...intensiv. Mein Gehörsschutz - billige Industrieware in einer Plastikbox - wird zuerst für so eine Art Droge gehalten, an der man/frau schnüffeln kann (kein Witz, aber wer kommt auf die Idee, sich die Dinger in die Nase zu stecken?!?). Daneben steht aber der Veranstalter, gibt gleich Entwarnung an den Kontrolleti und spendiert eine Clubführung als Ausgleich.
Das Foro San Rafael ist wirklich schön und hat eine Besonderheit, die ich so noch nicht kenne. Derweil das obere Stockwerk aus Sitzplätzen samt kleinen Tischen besteht, ist die Tanzfläche ca. 2 Meter unter der Bühne verordnet - somit ist die Bühne sozusagen halbgeschossig gelegen. Kann man das so sagen? Wirkt alles sehr edel und bei einem Bierpreis von bummelig 3 Euro wird dies auch nicht extra in Rechnung gestellt.
Trabec aus Mexico Stadt beginnen ihr Set in dem Moment, als ich den Club betrete...als hätten sie nur auf mich gewartet. Es ist zwar sonst noch relativ leer, aber die Band lässt sich davon nicht aufhalten und holt mich ab der ersten Sekunde sofort ab. 80er Goth Rock knallt aus den Boxen, nicht zu schnell und gar nicht metallisch - als hätten die Sisters Pate gestanden. Die Stimme des Sängers ist ähnlich tief wie die von Eldritch und sonor kommen die spanischen Texte gleich einer Beschwörung uralter Götter dem Publikum entgegen. Quetzalcoatl, der gefiederten Schlange, wird hier ein Tor geöffnet und Rache soll sie nehmen an den Nachfahren der Conquistadoren. Sauberster Goth Rock, irgendwo zwischen den Sisters und Héroes del Silencio zu verordnen. Dazu kommt der Sänger mit reichlich Kajal, geilem Undercut und Lederjacke wie ein Batcaver der ersten Stunde daher. Würde die Band nicht vom anderen Ende der Welt kommen, wäre ich ständig bei ihren Konzerten. Nach der Show bin ich sofort(!) am Mercher, um ihre bisher einzige CD, eine Ep + Bonus, für mehr als faire 100 Mexikanische Pesos (5 Euro) "abzuernten". Das zum Thema Konsumkritik in dieser Postille... Absoluter Volltreffer, 10 von 10 Fledermäuse.
Kurze Umbaupause, schnell eine Faros draußen geraucht und ohne Kontrolle wegen lila Bändchens wieder rein. Während des Umbaus fährt übrigens immer so ein Bildschirm als Sichtschutz herab, damit die Stage Crew ungestört werkeln kann. Irgendwie ist das alles viel moderner als bei uns...sauberer ist es auch überall im Club, aber das kannst halt positiv und negativ sehen. Ist eben nicht die Atmosphäre "besetztes Haus" und nach uns die Sinnflut. Wie immer...egal...
This Cold Night aus Austin,TX lassen mich zuerst Erstaunen. Die "Band" hat nicht nur einen Wikipedia Eintrag, spielt Dark-Wave und hat eigentlich einen sehr geilen Namen - aber sie ist mir auch völlig unbekannt. Und jetzt kommt's: Da steht nur ein einziger auf der Bühne über uns. Und das ist Chase Morledge. TCN ist sein Projekt und er spielt alle Instrumente selber ein. Heute spielt er die E-Gitarre, der Rest kommt vom DAT Recorder...oder Notebook...was weiß ich.
Auf jeden Fall gefällt es mir auch sofort. 80s Goth und Post-Punk, sehr melodisch und eher depressiv in Richtung der großartigen Joy Division. Alles verfällt um mich herum, aber ich sterbe ohnehin. Der Weg ins Nichts ist unausweichlich. Also was soll's? Curse the Gods!, forderten einst die legendären deutschen Thrasher von Destruction und verliehen ihrer Forderung mit Patronengurten und Pudelfrisuren optisch unabsprechbaren Nachdruck. Natürlich, das Schlagzeug ist bei TCN wie Doc Avalanche bei den Sisters ein Drum Computer, aber das stört beim Original ja seit 45 Jahren auch niemanden. Ich bin von der ganzen Chose begeistert und empfehle als Anspieltip auf Bandcamp Just Terrified (Why do Anything). Live durchbricht Chase diese Lethargie des Betrachtes des Schicksalhaften immer wieder mit Schreien oder kakophonischem Gelächter. Feiern wir hier in Mexico nicht heute die Toten? Batcaver, Dark Waver und Death Rocker wissen es längst...der große Gott Angst ist von uns allen heute Nacht besiegt worden. Frohlocket!
Nächster Kracher - warum ist diese Szene bei uns bloß verschwunden? Ich fand's immer geil, aber so ist's eben. Vielleicht kommt's ja irgendwann wieder...genau wie Patronengurte und Pudelfrisuren...
International ist es heute wirklich. Vioflesh aus Chile bauen gerade auf. CIA - Chile ist amerikanisch texteten Freundeskreis einst und nahmen damit direkten Bezug darauf, dass das CIA eine Hure ist und den übergroßen Salvador Allende, die personifizierte Unidad Popular, in den Suizid trieb. Ich stand mal an dessen Grab in Santiago de Chile wie heuer an jenem von Hernan Cortez - aber egal.
Bei Vioflesh handelt es sich ebenfalls um ein Musikprojekt. Vio ist die Sängerin, Flesh der Tastenmann. Synthiepop und Coldwave kommt laut Beschreibung dabei heraus. Letzteres finde ich eigentlich sehr geil, ich nenne hier nur die ultrakalten Guerre Froide aus Frankreich als Beispiel und gebe Demain Berlin als Anspieltip.
Vioflesh hingegen setzen rein auf Elektro und lassen die E-Gitarre außen vor. Kann man/frau natürlich machen, aber da ist natürlich Vorsicht geboten! Das kann auch schnell langweilig und eintönig werden!
Vioflesh umschiffen dies aber noch und trotz der alles einnehmenden Kälte, der Teilnahmslosigkeit und der vorhandenen Distanz bleibt es bis zum Ende kurzweilig - einen großen Anteil haben da natürlich auch die Sonnenbrillen von Sängerin Vio, die nur als super stylish beschrieben werden können. Am Ende gestehen sich die beiden Musiker noch ihre Gefühle für einander ein. Trotz des im Club um sich greifenden Frostes im ansonsten hitzigen Mexico haben wir fast ein Happy End.
Aber auch nur fast...ich gestehe mir auch etwas ein...die letzte Fahrt der U-Bahn um Mitternacht werde ich niemals erreichen und kann daher unmöglich 1 Bier und 1 Mezcal pro Runde weitersaufen. Gerade im Dunkeln abseits der durch die Staatsmacht kontrollierten Gebiete ist es in Mexico sinnvoll, einen klaren Kopf zu behalten, um jederzeit reagieren zu können. Ich wechsel daher von Mezcal auf Tequila, der hier im Gegensatz zu den in Deutschland angebotenen Marken tatsächlich runter geht wie Wasser.
Da nach neuesten Umfragen - dieser schmerzbefreiten Post-Punk und Thrash Metal Schmonzette ohne Wunsch nach Veränderung - ohnehin kein Leser nach Zeile 84 mehr weiterliest, muss es einen 2ten Teil dieses Abends geben!
Wer isst die Raupe im Mezcal? Warum stehen plötzlich Pick-ups vor dem Club und weshalb tragen die auf der Ladefläche stehenden maskierten Männer Maschinenpistolen? Wer ist Juanito und warum reden ihn alle mit "Don Manfredo" an? Warum trinkt keiner Sol Bier in Mexico? Ist Team Dresch die perfekte Band?
