BOB MOULD, STEFAN SAFFER / 23.11.2025 - Berlin, Columbia Theater

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Anläßlich des gerade erschienenen HüDü-Livesets von Numero Group schrieb mir vor ein paar Tagen ein Freund (deutlich jünger an Jahren als ich), dass dieses phänomenal gute Dokument ja aus einer Zeit sei, in der ich sie auch live gesehen hätte. Ich war versucht, zu sagen: „Well, yes, Alter, und es war ein totaler Blast“ - aber ich war nie auf einem HÜSKER-DÜ-Konzert. 1987 kaufte ich mir die „Warehouse“, dann die „Land Speed Record“ ziemlicher Kulturschock (auf den ich aber dank SPEX nicht ganz unvorbereitet war, ja, Kinderlein, stellt euch vor, es gab kein Internet), dann die „Zen Arcade“, nach der meine Innenwelt zum Glück nie mehr war wie vorher. Ich spüre dieses aufwühlende Kunstwerk von einem Punk-Album bis heute in mir. Reoccurring dreams. 
 
 
BOB MOULD 
 
1988 lösten Hüsker Dü sich nach Entfremdung, Verbrennung, Tod und Heroin auf. BOB MOULD mit dem vor 3 Jahren verstorbenen Schlagzeuger Anton Fier und Tony Maimone am Baß war mein erstes Konzert mit HüDü-Bezug, so wie der krachende Einsatz der elektrischen Gitarre in „Wishing Well“ quasi mein erster HüDü-Moment als junger Fan war. Bob Mould lebte damals auf einer Farm in Pine City/Minnesota, was die Spex zum Anlaß nahm, einen Artikel über ihn „Hühner Dü“ zu betiteln; finde ich heute noch zum Lachen, hat sich eingebrannt in mein Gedächtnis.
 
Bob Mould spielte damals, 1989 in der Markthalle NEIL YOUNGs „Cinnamon Girl“ als erste Zugabe - wundersam, dass ein von mir verehrter Künstler den Song eines anderen Idols ausgewählt hatte. Ich hatte Neil Young im selben Jahr entdeckt. Mould gefiel „Freedom“, Neil Youngs Comeback-Album nach Jahren des stilistischen Kreuzundquers, wie er mir vielleicht 1991 backstage im Logo erzählte, nach einer vor Intensität berstenden Soloshow, allein mit akustischer Gitarre, für mich vielleicht DAS emotionalste Konzert, das ich je erlebt habe. Da hatte ich schon mit GRANT HART Hasch geraucht, nicht weil wir alte Haschbrüder gewesen waren, sondern weil die Kunde herumging, dass man mit Grant Hart problemlos Konsumsituationen anleiern kann. Toll war das ja nicht. Hatte was von Speeddating aber ohne Funken. Und dann die Aluminiumdämpfe der eingedrückten Coladose, in deren Knickfalte der Haschkrümel lag, auf einem kleinen Loch. „Bob doesn‘t know how to relate to people“, erklärte Grant Hart mir, aber das kann auch später gewesen sein, bei einem anderen NOVA MOB-Konzert. Es kommt mir vor, als hätte ich eine Zeit lang von Konzert zu Konzert mit Bob Mould über Grant Hart geredet und mit Grant Hart über Bob Mould. Was für ein Quatsch. Man kennt diese Leute doch gar nicht. Aber sie haben einem so viel gegeben, und in den Zeitschriften standen Dinge über sie.
 
Fast forward: Ich übergehe die SUGAR-Jahre (3 Konzerte, 2 davon asozial laut, mit Leuten, die ich noch nicht kannte aber später kennen lernte, JU BECKER zum Beispiel): 2005 war ich dann mal wieder auf einem Bob-Mould-Konzert: Seine elektronische Phase schien auszulaufen, das alte, prustende Gitarrenpferd Bob Mould war zurück, Ex-FUGAZI BRENDAN CANTY trommelte, und mein Interesse nahm wieder zu. „District Line“ (2008) und „Life And Times“ (2009) fand ich nicht überragend aber okay, und seit „Silver Age“ (2014), seit er mit der unfaßbar guten rhythm section aus John Wurster und Jason Narduci Musik machte, hielten seine Alben ein Niveau. Verläßlich gut, in der Breite etwas gleichförmig, aber jede Neuerscheinung war ein Grund zur Freude und ist es bis heute.
 
Keine Ahnung, wie oft ich ihn seitdem gesehen habe, zu jedem neuen Album sicher nicht, aber heute habe ich mich losgemacht und cruise bei schönstem, noch schneelosen Winterwetter nach Berlin, mit „Here We Go Crazy“ und einem 2CD Reissue von Sugars „FU:EL“ im Player. Nice.
 
 
BOB MOULD
 
 
Bin viel zu früh da, mußte wohl mal raus zu Hause. Gehe ums nächste Eck in die Friesenstraße: Hier reiht sich ein Restaurant meines Gustos ans andere: Ramen, Sushi, veganer Döner, Thai. Das ist mal was Anderes als, wie gestern und fast jedes Wochenende, Bratwurst und Hackfressen in irgendeiner miefenden Turnhalle. Hier gehör ich eigentlich hin, auch wenn die Kälte mir beim Flanieren allmählich in die Knochen sickert. Überlege kurz, ob es sich lohnen würde, GUMBO DANEK in seinem Antiquariat einen Überraschungsbesuch abzustatten, aber das wäre ein Fußweg mit autistischer Navi-App von 5 Kilometern, außerdem ist heute Sonntag, Gumbo hat frei. Also zurück zum Columbia Theater, wo die Liebste und ich vor Jahren zusammen PIL gesehen haben.
 
Eh ich mich versehe und ohne dass ich darum gebeten habe, gerate ich in eine Gesprächshölle mit einem Typen namens „Karsten“, der in Duisburg im Stahlbau tätig ist und ungefragt berichtet, dass seine Firma auch Geschäfte mit russischen Firmen mache, und solang die auf keiner Embargo-Liste stehen, ey, watzefack? Hm, mag sein, bin kein Wirtschaftstyp und vermutlich weltfremd. Außerdem seien die ukrainischen Oligarchen genauso beschissen wie die russischen (Hm, ja, Oligarchen halt), und der Selenskyj sei ganz sicher auch so einer, aber das würde hier nie so berichtet werden, im Gegensatz zu z.B. Österreich, Standard oder Presse, da berichten sie „…härter…“. Er sei aber kein Blauer, und mit den dicken Titten von der Wagenknecht hätte er auch nichts am Hut. „Hat doch überhaupt keine dicken Ti“, fange ich an zu denken, und mir wird klar, wie weit Karsten mich bereits in seinen Sumpf gezerrt hat. Er habe sich gefragt, ob er mal Urlaub in Kiew machen könnte. Kriegsgebiet (Er nimmt das Wort in den Mund wie einen Schöpflöffel Essig) sei das nicht. Aber die Architektur finde er interessant, und er deutet mit ausholender Armbewegung zur gegenüberliegenden Straßenseite, auf die klotzigen Gebäude dort, die „…filigran…“ aussähen, und er sei ja auch ein Fan des Brutalismus („Ich auch!“ werfe ich ein, hängengeblieben in nutzloser Höflichkeit und Konsenssucht). Ein Cadillac Eldorado sei „…FILIGRAN…“, verglichen mit einem SUV. Heute Abend, alle Ü-50, die meisten mit Abitur und im Leben stehend, oder wat meinste? „Ab 200 kommen die Arschlöcher, beispielsweise du“, denkt mein Kopf das Richtige, aber Karstens Redeschwall hat mich psychosozial getasert. Zunge, Mut und Geist, alles gelähmt.
 
Bis hierhin war es ein guter Tag, aber ich muß diesen meinungsfreudigen Geselligkeitsbullen loswerden, sonst verbringe ich bald den Abend mit ihm und versaue mir ALLES. Ich will keinen Kontakt, ich will allein unter Vielen sein und morgen diesen Schrieb bei Facebock reinstellen, viel zu lang, voller Sentimentalitäten, punktuell großkotzig und reich an Steilvorlagen, mit denen man mich in die Enge treiben könnte, aber dann könnt Ihr selbst entscheiden, ob Ihr das überhaupt lesen wollt, wann es Euch reicht, welchen Teil Ihr Euch denkt und was Ihr damit anfangt. Ich bin keine ehrliche Haut oder sowas.
 
Daher absentiere ich mich mit einem freundlichen Hinweis auf Temperaturen um den Gefrierpunkt und den Wunsch, mich mittels einer Runde um den Block wieder etwas aufzuwärmen. Ein Stück die Friesenstraße runter, Momentchen warten, umkehren, sich bis kurz nach sieben im Auto verstecken, endlich die Halle betreten. Ich sehe lauter Karstens, und einer von denen wird‘s sein, aber ich habe die Verbindung gekappt, die Zeit zurückgedreht, könnte jetzt direkt in ihn reinbumpen und würde ihn nicht kennen.
 
Ich beziehe meinen Platz direkt vor der Bühne und schaue den Leuten beim Hineinströmen zu, schaue durch immer noch ein halbes Dutzend Karstens hindurch, besonders durch Einen, der auf einer Stufe sitzt und offenbar jemand Anderen zum Besudeln gefunden hat. Er ist es. Wer? Ich kenne hier niemanden. Don‘t want to know if you are lonely.
 
 
STEFAN SAFFER (who?), ursprünglich aus Bamberg aber seit Langem in Berlin, macht den support. DIE AERONAUTEN hatten doch mal diesen Song, der behauptete man(n) würde im Alter anfangen, sich für Kauntriemusik zu interessieren. Punkmänner mit Zipperlein, die ihre Rebellion in Outlaws mit Westergitarren wiederfinden: „I’m the most hated man in town“, knurrt Stefan Saffer und fügt nach dem letzten Refrain ein joviales „HOPE NOT!“ hinzu. Wirklich gut ist das nicht, aber der Typ ist wirklich sympathisch, eine herzliche Rampensau und sich seines eigenen Stellenwertes bewußt, und das schätze ich immer sehr. Warum er hier sei? Nun, Bob und er seien Bekannte (Mould hat ja bis vor gar nicht so langer Zeit 3 Jahre in Berlin gelebt), und Bob hätte ihn eingeladen, also hätten „wir“ das alles Bob zu verdanken. „Danke, Bob!“ antworte ich darauf, zwar zu leise aber Ernst gemeint, auch wenn ich mir keine Platte von Stefan Saffer kaufen würde.
 
Für die letzten drei Songs kommt Rudolf Freese von den STRANGEMEN auf die Bühne und singt schöne backings hinter Saffers kerlige Zeilen. Richtig nett und appropriate to the occasion ist Grant Harts „Dead Set On Destruction“ als Finale; nicht das berühmteste Hüsker Dü-Stück (Candy Apple Grey, 1986), aber ich mochte es immer ganz gern. Saffer animiert zum Mitsingen, und ich bin vermutlich der Einzige, der auch in den Strophen textsicher ist, ich Streberfan. Deswegen mögen mich die Bands, weil ich ihren Scheiß kann, weißte? Ich degradiere jeglichen support auch nicht zum akustischen backdrops meines Gequassels, wie es zwei Drittel des Publikums taten. Haltet doch einfach eure Fressen.
 
Fast forward: Ich rolle mit 130 km/h in einen Wetterwechsel hinein, schaue, so gut es geht, durch die plötzlich auf mich zuwirbelnden Schneeflocken und lasse den Wagen auf der dünnen weißen Textur langsamer werden.
 
 
BOB MOULD
 
 
Endlich Bob Mould! Schmeißt die Gitarre an, grölt eine Begrüßung und stürzt ohne Umschweife sich und seine Band in den ersten Song: „Star Machine“ von der „Silver Age“ in einer stark beschleunigten und flächigeren Version; und ich sag' Euch gleich, ich weiß das von setlist.fm, bin wenig titelfest in Moulds Oeuvre jenseits der „Black Sheets Of Rain“ (1990). Aber die Energie, bei Gott, die füllt ab der ersten Sekunde jede Lücke, meine Wissenslücken sowieso. Die Bob Mould Band wird anderthalb Stunden durchbrettern, und diese Gitarre, die am diesseitigen Ende des Punkrock-/Rock-Spektrums immer noch die bestklingende ist (Am jenseitigen Ende läßt Neil Young einen Akkord stehen und schwingen) wird nur zwei, drei Mal für wenige Augenblicke schweigen.
 
DAS hat mich SO geprägt: Durchspielen, keine Pausen. Die Musik am Stück brüllen lassen und die Songs zum Kanonenfutter des eigenen Adrenalins machen. Selbst die HüDü-Bootlegs, mehr noch die „Makes No Sense“-live-VHS übertrugen damals eine Ahnung der Intensität und rauschhaften Dringlichkeit eines Hüsker-Dü-Konzerts. Hätte ich sie bloß mal wirklich erlebt…
 
Fast Forward: Die Fahrbahnmarkierungen sind unter dem Schnee verschwunden, das Fahrgeräusch ein gleichmäßiges Rummeln, die Flocken stürmen dichter, größer und weißer auf mich ein, Fernlicht blendet, schneller als 60, 70 mag ich nicht fahren. Die THE-THE-CDs, mit denen ich mir das erste Drittel der nächtlichen Heimfahrt romantisch machte, sind längst durchgelaufen. Ich trinke Red Bull, fresse Erdnüsse, habe die Seitenscheibe runter und trotzdem Bedenken, dass ich gleich in Sekundenschlaf falle. Alles ungesund. Als ich später, gegen 3:00 Uhr zwischen Katzen, Kind und Frau irgendwie im Bett liege, macht mein Herz pa-TANG!, und der Blutdruck möchte meinen Schädel aufblasen wie einen Ballon. Noch 170 Kilometer, bis ich zu Hause bin.
 
Die Bob Mould Band spielt „Here We Go Crazy“, den Titelsong des aktuellen Albums, und wie großartig macht eigentlich Bassist Jason Narduci seinen Job?! Er spielt auf seinem roten Fender Precision klassischen Punkrock-Baß mit Plektrum, so wie es hunderttausend andere Dengelmänner auch tun - aber tight wie deine Oma beim Zusammenlegen der Handtücher und mit perfektem Sound: Warmer, nicht zu dicker Ton mit perkussiven Schlaggeräuschen; legt sich optimal unter Moulds Chaoswand, bleibt aber jederzeit identifizierbar. Jeder Lauf, jede kleine Sauerei, alles da, und auch Narducis backing vocals sind über jeden Zweifel erhaben.
 
Alle Augen zu Bob Mould, klar, sein Legendenstatus scheint mit jedem weiteren Jahr, seit es Hüsker Dü nicht mehr gibt, weiter zu wachsen, aber gepriesen sei seine Rhythmusgruppe! Schlagzeuger John Wurster nimmt alles mit, jede vorgezogene Eins, jede Breakgelegenheit, peitscht die Songs aber gleichzeitig gnadenlos nach vorn. Ein Wahnsinnsdrummer! Ein früher Höhepunkt seiner Performance ist der ausgedehnte Schlußteil von „Fur Mink Augurs“, im Grunde ein strukturiertes Schlagzeugsolo, mit dem er nicht zum letzten Mal heute Abend echt die Bude auseinanderkloppt.
 
Und so feuern sie Einen nach dem Anderen raus, auch das immer noch akute „American Crisis“ (Blue Hearts, 2020). 25 Songs stehen auf der Setliste, und bei Nr. 16 spielt Bob Mould die aufsteigende Akkordfolge von „Hardly Getting Over it“. Das kommt trotz des vorangegangenen geilen Krachs wie aus dem Nichts.
 
 
BOB MOULD
 
 
Fast forward: Ich bin freiwillig, um meinem Status als Angeheirateter zu entsprechen, der Letzte, der auf dem Nortorfer Friedhof ein paar Blütenblätter in den mit Kunstrasen ausgeschlagenen Urnenschacht rieseln läßt und eine Schaufel Kies hinterherschickt. Gute Reise, Onkel H., war schön, dich zu kennen. My parents / They just wonder / When they both are gonna die - Ich bin mir nicht sicher, ob mein Vater, der wie ein Rest, den meine Mutter dagelassen hat, in dem Haus sitzt, das sie sich 1971 gebaut haben, ich war zwei Jahre alt, sich fragt, wann er sterben wird. Grandma, she was sick / And she is gonna die. Es wird in absehbarer Zeit passieren, er ist gravierend krank und hat mir eine Erklärung unterschrieben, dass er den Krebs nicht behandeln lassen möchte. I will get over it, aber ich sitze auf Kohlen und frage mich jeden Tag, was als Nächstes kommt. And what do I do / When they die? Ich habe klemmblockartige Vorstellungen, was zu tun sein wird, wenn ich ihn, mögliches Szenario, tot im Fernsehsessel vorfinde, nachdem ich mir Zugang verschafft habe. Es wird eine Menge zum Beschicken geben, kurz- und langfristig. Wann geht es los? Lasse ich es auf mich zukommen, oder warte ich schon drauf?
 
Bob Mould ist ein legacy artist. Er hat ganz unzweifelhaft eine relevante Gegenwart als Künstler, wirkt gesund, fit, mitgerissen von seinem Tun und voller Energie. Seine Ausflüge über die Bühne, bei denen er Jason Narduci ein Mal gefährlich nah kommt, was der Bassist mit einem freudigen Lächeln quittiert, sehen ziemlich genau so aus wie auf alten Livevideos. Er veröffentlicht zuverlässig gute Musik, und auf die für 2026 angekündigte Sugar-Reunion darf man gespannt sein, wird bestimmt gut, aber die Apotheose eines Bob Mould-Konzertes sind die Momente, in denen er allein oder die ganze Band den nächsten Hüsker-Dü-Song anstimmen. Und von denen gibt es reichlich. „Celebrated Summer“, „Something I Learned Today“, „Flip Your Wig“ (das zu den ganz wenigen Mould/Hart-Gemeinschaftswerken im HüDü-Katalog gehört), „Chartered Trips“ und ein extrem gut gelauntes „Hate Paper Doll“ - dann brüllt er in den Lärm des ausklingenden Schlußakkords „ONE MORE SONG!“, und sie spielen „Makes No Sense At All“ - danach ist Schluß. Keine Zugabe, es ist vorbei, es ist perfekt.

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