IGNITE, PARK+RIOT / 22.11.2025 – Kiel, Schaubude (im Hinterhof)

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Eine Traube von Menschen, die sich euphorisch zum über ihre Köpfe hingestreckten Mikro drängt, durchgeschwitzte Körper, die sich aneinanderdrängen, ein dampfender Club, nur strahlende Gesichter – es gab während der Pandemie Befürchtungen, dass derartige Momente nie wiederkommen könnten. Zum Glück ist diese kleine Parallelwelt wieder oder immer noch möglich! IGNITE in der Schaubude, was für ein Knaller! Und demnächst geht es mit Booking-Bomben wie HEXENBRETT, DESERTED FEAR oder WYTCH HAZEL weiter, auch wenn diese zum Teil in der Räucherei spielen, für die das Budenteam ja auch mitbucht. Anyway, IGNITE bedeuten vielen Leuten eine ganze Menge und mit ihrem neuen Sänger Eli Santana haben sie sich gewissermaßen neu erfunden, touren unermüdlich (siehe Lübeck-Bericht 2024) und liefern einfach immer. Es war also zu erwarten, dass es ausverkauft sein wird heute. Ich höre später von 350 Leuten (erlaubt wären von offizieller Seite 400, was die Budencrew aber wohl keinem zumuten möchte). Ob man im hinteren Drittel viel vom Konzert hat? Ich weiß es nicht, begebe ich mich doch schon zu PARK+RIOT in die erste Reihe und verlasse diese nur noch zum Pullern und Bierholen.

 

IGNITE

Bilder von MJ.

 

Bereits zu PARK+RIOT füllt sich die Bude. Es handelt sich um ein Duo aus Leipzig, welches seinen Stil als „Math / Hardcore“ bezeichnet. Die Attitüde reißt schon mal mit, denn noch vor dem musikalischen Teil gibt’s ‘ne Ansprache des Schlagzeugers/Sängers, der verdeutlicht, wie schön und wichtig Konzerte als Ort der Selbstermächtigung und als Wohlfühlbubble sein können. Ein Raum, den die Mächtigen nicht erreichen können. Später berichtet er von Konzerten in der Ukraine, welche PARK+RIOT spielten, in Kiewer Bombennächten. Gerade dort sei Musik als unfassbar wichtig empfunden worden. Heftig! Die Musik gestaltet sich als sehr noisig, sludgig und intensiv. Live macht mir das Spaß und ich gehe mindestens kopfnickend mit. Schön anarchisch auch die Aktion, das Publikum noch mehr einbinden zu wollen und daher das Schlagzeug kurzerhand abzubauen, ins Publikum zu stellen, neu zu verkabeln und das Chaos um sich herumwirbeln zu lassen. Ein Alptraum für den Mischer wahrscheinlich, aber ein Move, der in Erinnerung bleibt und die Spontanität der beiden unterstreicht. Hier geht Aktion über (soundtechnische) Sicherheit. Auf Platte müsste ich PARK+RIOT nicht zu Hause haben, dafür fehlten mir dann doch griffigere Strukturen. Und diesen Noise/Eruptionsstil höre ich mir einfach zu selten an, das weiß ich einfach angesichts ähnlich gelagerter Scheiben. Trotzdem coole Band mit antifaschistischer Positionierung!   

 

PARK+RIOTPARK+RIOTPARK+RIOT

 

Ich war bereits in Lübeck letztes Jahr begeistert und heute setzen IGNITE sogar noch einen drauf. Eli singt tatsächlich noch kraftvoller und variabler. Die Band zeigt sich top eingespielt und wirkt extrem motiviert. Wieder fehlt übrigens Kevin Kilkenny und Nik Hill muss für zwei zocken. Es braucht weder bei Band noch Publikum eine Aufwärmphase, vom ersten Ton an explodiert der Pit und alle schmettern mit, als „Veteran“, „Poverty For All“ und „Anti-Complicity Anthem“ gespielt werden. Ich bin offenbar nicht der einzige, der die Alben „Our Darkest Days“ und „A Place Called Home“ zu seinen meistgehörten Platten zählt. Die neue besitzt gute Chancen, dieses Level ebenfalls zu erreichen. Übrigens kündigt Bassist Brett Rasmussen fürs nächste Jahr bereits den Nachfolger an, den man gerade aufgenommen habe. Wann zur Hölle hatten IGNITE dafür überhaupt Zeit, gefühlt waren die doch ständig auf Tour? Überhaupt gefallen mir die Ansagen, die sich Brett, Nik und Eli teilen. Man wundert sich, dass man noch nie in Kiel gespielt habe („We are coming from sunny California to your ass-cold country and we are loving it!”), feiert die DONOTS vom Vortag sowie PARK+RIOT von heute (morgen spielen sie übrigens mit diesen ASH RETURN…) und unterstreicht, dass IGNITE die Gegenwart genießen (Brett: „Some people glorify the eighties or nineties, but I think that now is the best time for creating and recording music“). Das wirkt alles sehr positiv, sodass ich mit geballter Faust nur freudig „yeah“ brüllen kann. Dass Rasmussen auch tatsächlich mit wachem Bewusstsein dabei ist, zeigt sich darin, wie er zwischendurch ohne Kommentar Scherben von zerbrochenen Bierflaschen vom Boden räumt, was man ja überhaupt von der Bühne aus erst mal wahrnehmen muss. Schön auch der Moment, in dem Eli jemanden das Mikro zum mitsingen hinhält und dieser nur „I love you!“ reinbrüllt. Die Setlist ist ein Traum mit allen Highlights. Auf Elis Wunsch wurde „Slowdown“ inkludiert, denn dies sei einer seiner IGNITE-Faves. Auch die ganz alten Stücke wie „Ash Return“ und „Embrace“ funktionieren hervorragend, ebenso das ignitisierte „Sunday Bloody Sunday“. Mir fällt auf, dass von „A War Against You“ wieder nichts gespielt wird. Die Platte enthält meiner Meinung nach auch starke Songs, war mindestens in Deutschland sehr erfolgreich, insofern ist das seltsam, aber vielleicht mögen IGNITE das Ding aus persönlichen Gründen nicht mehr. Mit „Run“ und „Fear Is Our Tradition“ endet das Konzert – fast. IGNITE kommen zurück und spielen noch „Live For Better Days“, ein bestens geeignetes Stück für den Schluss, bei dessen melancholischer Stimmung man etwas runterfahren kann.

 

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Begeisterung! Ich habe bis jetzt ausschließlich positive Stimmen zu dem Abend gehört. Mich würde mal interessieren, wie man es vom Tresen aus erlebt hat.   

 

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