MORBID, PROTECTOR, NORKH / 04.12.2025 – Hamburg, Hafenklang

4 Dislike0

Ich hatte in den letzten Jahren mehrfach den Fall, ein wegen Krankheit frei gewordenes Ticket vor dem Club nicht loswerden zu können. Egal, ob die Konzerte in größeren oder kleineren Läden stattfanden, ob sie ausverkauft oder kaum besucht waren, einfach jede:r, der/die kam, hatte bereits eine Karte. Daher poste ich heute schon mal auf der Hinfahrt zum Knüllerkonzi den Flyer mit der entsprechenden Info. Und siehe da: Das Biest geht sofort über den virtuellen Tresen! Nach wenigen Minuten kommen sogar weitere Anfragen rein. Eine Freundin fragt, ob ich ihr nicht an der AK noch eine Karte kaufen könne. Ich bin zu dem Zeitpunkt zwar noch im Zug, verspreche aber, das zu probieren. Tatsächlich gibt es noch exakt 17 Karten, als ich ankomme. Auch irgendwie skurril: Da habe ich gerade ein Ticket verkauft, nur um wenig später ein weiteres zu kaufen…Ich bin gespannt, ob die beiden Käufer:innen dann auch kommen, aber natürlich ist das der Fall und so haben gleich drei Leute etwas von der Aktion, denn mit dem letzten Ticket kann ich gleich eine Rückfahrt in der Karre einbongen. Blöd nur für die erkrankte MJ, zum Glück kann mittlerweile langsam von einer Rekonvaleszenz gesprochen werden. Okay, Helm auf, erste Reihe und aaaaab!

 

MORBID

Bilder von Bianca Bocatius und Anonymus.

 

NORKH ballern vehement los. Zwischen Black/Death Metal, Crust, ein wenig Thrash und wenigen doomigen Walzpassagen bewegt sich das Berliner Trio. Die Mundwinkel runter, die Gitarrenhälse in die Luft, so gehört sich das. Aufgrund der doppelten Kartenübergabe dauert es etwas, bis ich mich vollends auf das Geschehen konzentrieren kann. Der Gefahr, gemäß der Maxime „Keine Blastbeats – kein Applaus“ auf taube Ohren und verschränkte Arme zu stoßen, setzten NORKH massive Blastattacken entgegen. Obwohl sich wirklich ein paar „Vorbandverächter“ im Raum befinden, die schlecht gelaunt dreinblicken, als würde ihnen gerade kostbare Zeit gestohlen. Keine Ahnung, was mit solchen Leuten nicht stimmt. Durch ein gewisses Old School Flair in der Musik und auch in der Präsentation passen NORKH durchaus zu den beiden anderen Bands, auch wenn alle natürlich unterschiedlich klingen und streng genommen in verschiedenen Subgenres unterwegs sind. Aber: Echte Maniacs erkennen echten Stahl, Punkt.   

 

NORKH

 

PROTECTOR sind Kult! Obwohl mich die Band seit den Achtzigern begleitet, ist dies erst mein drittes PROTECTOR-Konzert und das letzte im Bambi liegt bereits über neun Jahre zurück. Nun hab ich richtig Laune und Bock auf den Thrash/Death Metal der (mittlerweile) deutsch-schwedischen Formation. Ur-Sänger Martin lebt ja seit einiger Zeit in Schweden und hat dort Musiker gefunden, die seit 2011 PROTECTOR in neuem Glanz erstrahlen lassen, indem sie einerseits die alten Sachen würdig reanimieren, andererseits auch bereits vier Alben veröffentlicht haben, die in meinen Ohren eine geniale Fortsetzung darstellen. Heute gibt’s natürlich eine Mischung aus Klassikern und neuen Songs, wobei mit „A Shedding Of Skin“ sogar ein Stück aus der Zeit gespielt wird, als Martin gar nicht in der Band war. Ansonsten volle Kanne mit rüpelhaften Eruptionen wie „Misanthropy“, „Golem“, „Kain And Abel“, „Holy Inquisition“ oder „Calle Brutal“. Martin kündigt die Stücke mit ruhiger Stimme an, ein Sympath, der immer wieder auch antifaschistische Statements formuliert hat, was heute wichtiger denn je erscheint. Zwei Tage später wird er sich übrigens beim Auftritt im VAZ Burglengenfeld bei einem Bühnensturz zwei Rippen brechen, kann den Gig und die gesamte Tour aber weiter durchziehen. Mittlerweile steht fest, dass weder die Lunge beschädigt wurde, noch dass es innere Blutungen gab. Dat ist Rock’n’Roll, weiterhin gute Besserung!

 

PROTECTORPROTECTORPROTECTORPROTECTOR

 

Dass man MORBID mal live sieht! Ich besitze diese 2011 erschienene „Year Of The Goat“-Compilation (Century Media), die das „December Moon“-Demo von 1987 sowie Rehearsals und Liveaufnahmen beinhaltet. Wenn ich es richtig sehe, stehen vor uns die vier Originalmitglieder Dr. Schitz (b), Gehenna (g), TG (g) und Nepoleon Dukes (g) auf der Bühne, den verstorbenen LG Petrov (R.I.P.) ersetzt doch glatt der WATAIN-Sänger Erik Danielsson am Schlagzeug und für Per „Dead“ Ohlin (R.I.P.) singt dessen jüngerer Bruder Necrobird.

 

MORBIDMORBID

 

Aber der Reihe nach: Dat schummrige Licht im Hafenklang und die beengten Platzverhältnisse erschweren die Sicht, aber plötzlich bewegen sich vier Gestalten mit einem Sarg durchs Kläng und stellen das Gebilde senkrecht auf die Bühne. Drinnen befindet sich… eine Leiche? Nein, es ist Necrobird, der Dead, wie man ihn von Fotos kennt, in seiner Bemalung verblüffend ähnlich sieht. Mit der Frage „Can you see inside my head?“, unheiligen Disharmonien, schrillen Schreien und einem sich steigernden infernalischen Gewitter aus drei Gitarren, dem Wummern des sicken Doktors sowie einem wie im Wahn trommelnden E geht die Sause los. Scheiße, das klingt ja viel geiler als auf Platte! Die Leute bangen, kreischen, drehen komplett durch. Die Geschwindigkeit ist immens, aber MORBID fliegen nicht aus der Kurve. Was sind das für Riffs, die klingen wie im Wahn entstanden. Eine Mischung aus Death, Black und Thrash Metal, kreiert zu einer Zeit, als die Genres noch nicht trennscharf definiert waren. Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich die Songs auswendig kenne, aber „My Dark Subconscious“, „Wings Of Funeral“ und „From The Dark“ erkennt man sofort wieder. Von der erwähnten Compilation kommen u.a. auch „Citythrasher“, „Tragic Dream“ und „Necrodead“, aber auch ein paar völlig unbekannte Stücke. Ob die neu sind oder ausgegraben? Was mich auch interessieren würde: Wer zur Hölle sind MONSTERDIGGER? Necrobird hat einen Patch mit deren Logo und das Ding liegt auch am Merch. Vielleicht seine neue Band? Der Auftritt dengelt jedenfalls heftig rein und wird, noch während er läuft, von einigen Anwesenden als eine der Shows des Jahres betitelt. Gegen Ende wird’s bizarr: Gespielt wird „Disgusting Semla“ und Dr. Schitz steht plötzlich mit so einer Kuchenglocke auf der Bühne. Zu der wiederholten Zeile „I know I am disgusting“ wird die Glocke angehoben und die entsetzten Horden erblicken… einen Kuchen! Natürlich wird uns das Gebäck im nächsten Moment um die Mützen gepfeffert. Tatsächlich ist „Semla“ in Schweden ein traditionelles Gebäck und im Booklet der „Year Of The Goat“ steht: „The lyrics were inspired by Dr. Schitz‘ obsession with semlor“. Welch wahrhaft widerliche Tradition! Mit dem rasenden „Deathexecution“ inklusive dem völlig kranken „lalalala“-Refrain geben MORBID uns den Rest und die letzten Kuchenreste werden in die Ritzen des Hafenklangbodens gestampft.

 

MORBID

 

DECEMBER MOON OVER GERMANY! Das Ding wird in Erinnerung bleiben. Da muss auch mal ein Shirt mit, zumal die Designs herrlich sind!    

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv