SMOULDER, DREAD SOVEREIGN, FLAME, DEAR FLAME & PHANTOM CORPORATION / 13.12.2025 – Hamburg, Bambi Galore & Plattenkiste
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Montag, 15. Dezember 2025 19:32
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Als ich unlängst im WWW weilte, zeigte mir Facebook ein Foto von einer Seite, deren Name schon Schlimmes erahnen ließ, „Nostalgische Bilder von früher“, „die guten alten Zeiten“ oder so eine ähnliche Scheiße. Natürlich folge ich der Gruppe nicht, aber das Bild zeigte einen Plattenladen, also schlug der Algorithmus zu. Ich wiederum gab dem suboptimalen Reiz nach und klickte wider besseres Wissen auf das Bild. Das dort Gezeigte ging an sich klar, aber ich machte den weiteren Fehler, auch noch die Kommentare zu lesen. Der Tenor der ersten dutzend Kommentare: Die User:innen schienen alle zu glauben, dass es gar keine Plattenläden mehr gäbe. „Wie schade, heute kann man nur noch streamen“, „da ging ich immer so gern hin, heute bleibt uns nichts mehr“. Das las sich so, als sei man zum Streamen gezwungen. Umso wichtiger, dass die PLATTENKISTE und PHANTOM CORPORATION heute mit einem InStore-Konzert locken! Anlass ist natürlich das neue PC-Album „Time And Tide“. Ernte25! Und da klar ist, dass viele Besucher:innen heute auch gern zu SMOULDER ins Bambi wollen, findet die Chose bereits ab 15:00 Uhr statt. Gleich zwei Veranstaltungen an einem Tag also, herrlich!
(Bilder von MJ und Petrunella)
Die Plattenkiste ist bereits gut gefüllt, als wir pünktlich wie die Maurer eintrudeln. Noch läuft der Aufbau und es ist kaum vorstellbar, wie noch mehr Menschen reinpassen sollen. Mückes Schlagzeug befindet sich zwischen Tresen und erster Reihe Plattenboxen, die vier anderen PHANTOME füllen die obere Reihe zwischen den Regalen. Es bleibt für die Besucher:innen also nur der Eingangs- und Kassenbereich. Wundersamerweise erscheinen aber genau so viele Nasen, wie gerade noch hineinpassen. Was ich noch gar nicht wusste: Kniffel (CATBREATH/ASH RETURN/CORECASS) macht den Sound. Kniffel: „Weiß ich auch erst seit heute Morgen.“ Das Mini-Mischpult wird kurzerhand einfach auf das Vinyl-Verkaufsangebot gestellt.
Irgendwann steht alles und die Sause kann beginnen. Alter, was für ein Fön durch die altehrwürdige Plattenkiste pustet, ist mit Worten kaum zu beschreiben! Dabei ist es aber nicht einfach barbarisch laut, nein, gerade von der Detailtiefe des Sounds bin ich überrascht. Die Feinheiten der beiden Gitarren kommen voll zur Geltung, auch diese herrlich fleischige Stimme von Leif kitzelt angenehm die Hörmuscheln. Es ist doch immer wieder wunderbar, was ein relativ simples Setting ermöglichen kann, denn im Grunde haben wir Proberaumverhältnisse plus drei Mikros. Kniffel regelt hier und da ein bisschen, schraubt ab und zu etwas an den Amps und die Sache steht wie ‘ne Eins. Yeah, PHANTOM CORPORATION treffen mit ihrer Mischung aus Thrash Metal, Crust Punk und Death Metal im Stile früher AT THE GATES bei mir voll ins Schwarze. Das ballert und böllert, besitzt aber gleichermaßen stets eine griffige Struktur. Von den neuen Songs schälen sich bereits beim ersten Hören (!) Refrains und Parts heraus, die ich mitbölke, wenn sie sich wiederholen. So zum Beispiel bei „Sorcerer“, „Krokodil“ (was für ein Titel, haha!) oder „For All The Wrong Reasons“. Leif erzählt etwas zu den Texten und verweist auf deren jeweilige Verfasser, denn hier sind mehrere Köche am Start, die das Gesamtrezept verfeinern. So zum Beispiel Bassist Ulf, dessen Haare die Plattenkistenkunden wohl noch Jahre später in abgeernteten Platten finden werden, aber auch die Gitarristen Arne und Philipp. Wobei wiederum statt Philipp heute Ingo Gitarre spielt. Die Besetzung fluktuiert bei PHANTOM CORPORATION eh ganz gern mal, da muss man wohl eher von ‘ner erweiterten Familie oder einem Kollektiv sprechen. Natürlich spielen die PHANTOME nicht ausschließlich neuen Stoff, sondern streuen auch älteres Material ein. Ich schreibe nicht mit, meine aber, dass „Insurgents“, „Pushed Too Far“, „Dead Inside“, „Gridlock“ und „No Tomorrow“ dabei sind. Beste Stimmung in der Plattenkiste, danach wird der „Merchtresen“ heftig belagert. Ein voller Erfolg und optimaler Start in den Tag, sozusagen das zweite Frühstück mit musikalischer Untermalung!
Kurz wat essen und rüber nach Billstedt gebeamt. Auch dort bereits großes Hallo, obwohl wir noch über eine halbe Stunde bis zum Beginn haben. Wer lässt sich aber auch dieses geniale Package zwischen Epic Power Doom, Doom und Epic Doom entgehen! Drei Viertel der Anwesenden sind Bekannte, darunter kein Arschloch, sondern nur nette Leute. Gibt es einen schöneren Ort als ein (fast) ausverkauftes Bambi? Selbst bei heftigster Enge würde ich mich hier noch wohl fühlen. Wobei trotz des Andrangs hinreichend Platz zum Doomdancing bleibt.
FLAME, DEAR FLAME brachten 2021 das Album „Aegis“ heraus, welches in meiner Doom-Hood als Sensation empfunden wurde und wird. Auf dieser Scheibe befinden sich streng genommen lediglich zwei Songs, die aber selbstverständlich Überlänge aufweisen und in mehrere Parts unterteilt sind. So präsentieren die Braunschweiger:innen „The Millenial Heartbeat“ sowie „The Wolves And The Prioress“, überraschen uns aber auch mit einem unveröffentlichten Stück von der kommenden Platte. Manche Parts marschieren im hymnischen KODEX-Stil, andere vermitteln eine fast schon meditative Ruhe. Die klare Stimme Maren Lemkes transportiert eine Melancholie, die beim Hören schmerzt. Natürlich ist es ein angenehmer, süßer Schmerz, den der gemeine Doomhead ja genau so spüren will und geradezu sucht. Eine der Gitarren (und Backinggesang) steuert übrigens David Kuri bei, den viele von WRITHEN HILT und BOOZE CONTROL kennen. Mein erstes FAME, DEAR FLAME-Konzert hat die hohen Erwartungen erfüllt.
Mit DREAD SOVEREIGN kommt nun ein schroffer Kontrast. Denn auch wenn die Band irgendwie überall mit dem Label „Doom“ versehen wird, zocken Alan Averill und seine beiden Begleiter doch ursprünglichen Heavy Metal mit viel Rock’n’Roll im Blut. Da ist Zeit für Jam-Passagen und Improvisationen, wie überhaupt der Sound geil luftig gehalten ist. Gleichzeitig spielt das Trio unerhört heavy und mit einem Punch, der dir das Gesicht eindrückt. Ja, gern wird von Metal als „harter“ Musik gesprochen. Aber viele Bands spielen im eigentlichen Sinne gar nicht hart, sondern eher mit viel Distortion und elaborierter Technik. DREAD SOVEREIGN hingegen verkörpern die ganz alte Schule – so ähnlich müssen die ganz frühen MOTÖRHEAD live geklungen haben. Zumal Averill auch eine animalische Ausstrahlung hat, das Publikum und sich selbst beschimpft und seinen Gesang völlig anders als bei PRIMORDIAL ins Mikro rotzt. Ein Schnaps und rührende Worte auf Tompa Lindberg zeugen gleichzeitig auch von Empathie. Ich hole mir sofort ‘nen Leberhaken, sage Prost und R.I.P.! Räudig dengeln die drei Barbaren noch ein VENOM-Cover ins schwitzig-stinkende Bambi: „Live Like An Angel… Die Like A Devil“ wird aus vielen ausgedörrten Kehlen mitgeschmettert. „We are three cunts from Ireland playing Heavy Metal“ – so isses. Und gut!
SMOULDER zum dritten Mal im Bambi und natürlich wird der Auftritt ein Triumphzug und Genuss. Sarah steht vom ersten Song an unter Feuer, verzieht ihr Gesicht zu unmenschlichen Grimassen und bewegt sich über die Bühne wie eine besessene Zombie-Priesterin. Boah, der Sound ist brutal gut! Gerade der Schlagzeuger kann so auch in den rasanten Songs und Passagen zeigen, was er kann. SMOULDER erweisen sich nämlich mittlerweile als bestens eingespielte Band, die auch in der Abfolge der Songs ein gutes Gespür besitzt. Man sollte sie nicht einfach auf Epic Doom reduzieren, denn teilweise ziehen sie mit gehörigem Speed vom Leder, siehe etwa „Bastard Steel“. Natürlich bleiben „The Sword Woman“ und „Ilian Of Garathorm“ die Fan-Favoriten, aber ich liebe auch „Violent Creed Of Vengeance“, „Warrior Witch Of Hel“, „The Talisman And The Blade”, “Bastard Steel” oder “Victims Of Fate”. Und zwei Jahre nach dem letzten Longplayer kommen SMOULDER mit neuen Stücken um die Ecke. „Smouldering Remains“ wird von genialen Twin-Gitarren und einem eingängigen Refrain getragen, „Crush The Neophytes“ plättet mit Sarahs wütendem Gesang und extraschweren Riffs. Alle Fäuste sind oben, Sprechchöre pushen die Musiker:innen zusätzlich. Da kommt Vorfreude auf, die Platte wird ja eh abgeerntet. Danach siehste überall glückliche Gesichter. Hier wurde aber auch jedem und jeder ordentlich die Rüstung poliert.
SMOULDER-Ultra Andreas war der Auftritt „zu kurz“, ich muss sagen, dass ich nach vier Bands und zwei Konzerten hinreichend im Eimer bin. Glorreicher Abend!
