FOTOCRIME, UNWELL, ULTRA LOVE / 16.04.2026 - Ottawa, Club SAW

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Wollen wir mal ehrlich sein - Ottawa ist nicht gerade New York, Rio oder Tokyo. Ich vermute, da gibt es sogar in Hamburg mehr zu sehen, aber das ist (oder besser: war) ja ohnehin die schönste Stadt der Welt. Eins aber ist beiden Metropolen gemein: Es gibt Konzerte und es wird gerockt! Also hin da!

 

FOTOCRIME

Bilder von Dr. Zorba

 

Einen Dreifach-Schlag diverser Richtungen des Post-Hardcore und -Punk kündigt Club SAW heute an - und das für umgerechnet günstige 12 Euro. Für einen regnerischen Donnerstag ist der moderne Club mit einer Kapazität von geschätzt 300 wohl ganz ordentlich gefüllt.

 

ULTRA LOVEULTRA LOVE

 

Zuerst erklingt nur die unverzerrte Gitarre, dann setzt der Bass ein und jetzt wird plötzlich zusätzlich auf die Snare geprügelt! Sängerin Pascale Arpin an der Gitarre und Sänger Eric Elgar am Schlagzeug schreien bzw. brüllen ab jetzt um die Wette. Mal jeder für sich, dann wieder zusammen. Das machen sie richtig gut - dazu wird immer wieder bei der Gitarre von verzerrt auf akustisch gewechselt, das Schlagzeug von langsam auf schnell beschleunigt und stimmlich geht's von Schreien der Verzweiflung auf den Klargesang. Bis auf kurze Explosionen nach vorne bleibt die Geschwindigkeit aber im mittleren Bereich oder sogar darunter. Ein Black Metal Fan würde hier vielleicht von "atmosphärisch" sprechen, aber ein Keyboard gibt es nicht. 

Ein Besucher legt dazu als eine Art "Ausdruckstänzer" - irgendwo zwischen Violent Dancing und Sterbender Schwan - eine Performance vor der Bühne hin, die ich so in unseren Gefilden auch noch nicht gesehen habe. Ich vermute, da waren aber auch Drogen im Spiel und ich rede hier nicht von nem Bier oder zwei Appelkorn.

 

ULTRA LOVEULTRA LOVE

 

Der Auftritt von Ultra Love aus Ottawa selbst ist leider viel zu schnell zu Ende! Für die erste Band des Abends war das ein Einstieg, der von den folgenden Bands kaum noch zu toppen ist. Ich "ernte" noch einen Dowload Code für die neue EP "Slow Spark" ab, der in einem sehr schicken Booklet daherkommt - CDs sind verdientermaßen  ausverkauft. Wenn es am Ende dieser Kanada Rutsche ein Resümee der gesehenen Bands geben sollte, dann ist Ultra Love ganz vorne dabei. Praktisch Svalbard, nur atmosphärischer.

 

UNWELLUNWELL

 

Legenden des kanadischen Punk und HCs gibt es viele. Joe Shithead von D.O.A. kommt einem sofort in den Sinn. Mr. Chi Pig (RIP) natürlich auch und spätestens jetzt Chris Colohan. Wir kennen ihn von Bands wie SECT(!!!), Burning Love(!), Countdown to Oblivion, Cursed, Left for dead, Fucked up, The Swarm und vielen anderen geilen Bands mehr. Da hat Chris nun wirkliche die ganze Bandbreite von super Grind bis fettem Crust abgedeckt - also praktisch das gesamte Feld mit seinen Vocals beackert. 

Heute steht er mit seiner Band Unwell vor uns. Ist dies nun Altersmilde? Wurden Urteile revidiert? Sieht er manches doch positiver? Auf jeden Fall geht er die ganze Chose ruhiger an und das wütende Gebrüll vergangener Tage ist passé (hm...die Formulierung muss daran liegen, dass jetzt hier in Montreal Französisch gesprochen wird...). Dazu spielt er Gitarre (O-Ton: ich weiß kaum, was dieses Ding hier ist), wird aber auch von seiner Band unterstützt.  Das alles kommt super sympathisch rüber und ist mehr Rock als Punk, der im Lockdown der Pandemie entstanden ist. Die Zugabe hat es dann aber doch in sich; es handelt sich um ein Cover: "Das nächste Lied ist ein Hardcore Lied, aber eigentlich ist es keines, aber dann ist es das doch wieder."

 

UNWELL

 

Victim in Pain von Agnostic Front wird auf bummelig 3 Minuten gestreckt, das Original liegt bei ca. 45 Sekunden.

 

Und noch eine Legende befindet sich bereits in den Startlöchern: 

Ryan Patterson aus Louisville, Kentucky, den wir alle noch von die Punk/D-beat/Hardcore Legende Coliseum kennen! Die Insider hier erinnern sich natürlich auch an Black Cross and The National Acrobat, aber dafür gibt es nun wirklich einen extra Stern. 

Das Vorbild von Fotocrime ist klar erkennbar: Die Sisters (of Mercy)! Der Drumcomputer im Hintergrund ersetzt den Schlagzeuger, dazu ein Bass (der live bei den Sisters seit Jahrzehnten fehlt) und zwei elektrische Gitarren. Ähnlich wie bei der Vision Thing spielt die eine stets die immer gleichen Akkorde, die andere setzt Akzente darüber. Abgerundet wird es durch die tiefe Stimme Ryans, der ähnlich Eldritch daherkommt, aber weit mehr in den Vordergrund gemischt ist. Bei den Sisters kannst ja seit Jahren Andrew Eldritch kaum verstehen...und auch nicht sehen.

 

FOTOCRIMEFOTOCRIME

 

Heute Abend sorgt kein(!) Nebel und grellen, blaues Licht für eine dystopische Atmosphäre, die in gewisser Weise martialisch daher kommt. Starr flankieren der Basser und der 2te Gitarrist den Sänger, welcher selber selber immer wieder zu explodierenden Bewegungen, ja zu Ausbrüchen aus dem rigiden System, neigt. 

Der Oberkracher Politi, Policia, Polizei wird heute leider nicht gespielt, dafür gibt es eine Ansage gegen den drohenden Faschismus in den Staaten, die selbst Diggen (ex-Slime) nicht klarer hätte formulieren können. "Es gibt größere Probleme", wirft ein Zahlender ein. "Welche?", will Ryan wissen und da herrscht dann auch Funkstille. 

Die CDs von Fotocrime gibt es für günstige (umgerechnet) 6 Euro und ich "ernte" alles ab, was da ist. Teilweise sind sie auf Profound Lore erschienen; das Label war für mich durch Veröffentlichungen wie jene von Worm Ouroboros oder SubRosa seit jeher ein Qualitätsgarant.

 

FOTOCRIMEFOTOCRIME

 

Mit Russian Circles und Pelican spielt Fotocrime im Grünspan in Hamburg am 11.05.2026 - da muss ich wohl wieder hin. Und morgen ebenso ins Turbohaüs in Montreal - dann leider ohne Ultra Love. Super Abend, 3 super Bands, aber die Zeitumstellung macht mir dann doch zu schaffen...

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