PRIMITIVE MAN, KOLLAPS, MOUTH WOUND / 06.05.2026 - Hamburg, M.S. Stubnitz

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Finde mein life zur Zeit überdurchschnittlich anstrengend. Wenn ich innehalte und mir die Gemengelage anschaue, wird mir schnell klar, dass ich auf hohem Niveau jammere. Aber das darf auch mal sein, Gejammer auf niedrigem Niveau gibt es ja schon ohne Ende. Ob ich nach einem mit Nerv, Zank, Entfremdung, sinnlosem Quatsch und zuviel Essen gut gefüllten Tag wirklich noch Lust auf PRIMITIVE MAN und zwei Supportacts habe, weiß ich nicht, während ich die 1 runterbrettere. Ich trage dazu ein PALLBEARER-T-Shirt, um zum Ausdruck zu bringen: Doom ja - aber bitte nicht so destruktiv.

 

MS Stubnitz

 

Das schaukelnde Fallreep hoch, aufs Achterdeck und dann die steilen Treppen hinunter in den Frachtraum - Wer hier auf die Fresse fliegt, hat auch was davon. Der Schiffsbauch ist erfüllt von beunruhigend lautem pulsierenden Fauchen, unter das sich zügig subbassige, unerbittlich dröhnende Frequenzen schieben. Erst als ich mich die Treppe zum Bühnendeck hinuntertaste, wird mir klar, dass Trine Paaschburg a.k.a. MOUTH WOUND bereits auftritt: Sie steht hinter einem schwarz verhängten Tisch, auf dem sich allerlei Kabel und Gerätschaften tummeln. So ist das ja meistens. Ob die Künstlerin spricht, singt, schreit oder was auch immer, wenn sie sich dem Mikrofon zuwendet, spielt keine große Rolle - Ihre Stimme ist bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, wird durch elend lange digitale Hallspiralen gejagt und fräst sich in bleischwere, unheilvoll Wellen schlagende Mauern aus rostigem Panzerstahl. Der ganze Kahn vibriert. Manche Zuhörer*innen bewegen sich konvulsivisch im Rhythmus des Waberns der kalten, raumschiffgroßen Drones. Schön, dass solche herausfordernden Klangwelten ihren Platz haben in der großen, weiten Welt der unmenschlichen bzw. allzu menschlichen extremen Musik. Dafür dass ich eher semi-motiviert war, gefällt mir Mouth Wound gleich mal supergut: Für mich die bisher beste aller strapaziösen Alleinunterhalter*innen, die ich je erleben durfte und ein adäquat belastender Einstieg in diesen, naja, bunten Abend.

 

MOUTH WOUND

 

Die Exilaustralier von KOLLAPS, die kürzlich nach Island rübergemacht haben, sind ein anderes Beast: Im Mittelpunkt ihrer Show steht der Sänger, der spindeldürr und ganz in schwarz gekleidet wie direkt aus den Achtzigern, aus West-Berlin vielleicht sogar, auf diese Bühne gekommen zu sein scheint. Im anschwellenden Soundgewitter des glatzköpfigen Bassisten durchmißt er, sich in seinen Act hineinsteigernd, die Bühne, springt immer mit einem Fuß auf eine seiner Monitorboxen und stößt sich dann wieder ab. Der verdammte DJ, der aussehe wie der verdammte Jimmy Saville, solle jetzt sein verdammtes Maul halten, fordert er. Charmant. Jimmy Saville, Radiomoderator, DJ und pädophiler Sexualverbrecher, starb 2011 und ist sicher kein Toter des öffentlichen Lebens, mit dem man gern verglichen werden möchte.

Nach dieser eindrucksvollen Demonstration (oder Inszenierung?) von Toxizität brennen Kollaps ca. eine halbe Stunde lang ein Inferno ohnegleichen ab. Das Frontar***loch keift effektverfremdete Blackmetalvocals. Der Bassist prügelt ungebremst auf sein Instrument ein und erzeugt ein sonisches Chaos, in dem aber bei aller Kakophonie doch Strukturen auszumachen sind, sehr archaische, repetitive Strukturen, die wieder und wieder in Clustern aus Donnerschlägen untergehen und dann wie aus dem Nichts wieder da sind. Der Drummer verfügt lediglich über zwei Standtoms, einen sustainlosen, harsch patschenden Beckenrest und ein Effektpad. Seine Beats sind primitiv. Jeder Schlag ist wie eine scharfe elektrische Entladung im akustischen Gomorrha des Bassisten, dessen autodestruktives Headbanging und sonstige Bewegungen beim Zuschauen wehtun.

Assoziationen Richtung NoWave, vielleicht Richtung frühe SWANS bieten sich an, Industrial (klar), NEUBAUTEN vielleicht, vor allem wenn der Bassist mit einem Stück Metall volles Risiko eine große Stahlfeder bearbeitet und sich dabei am Ende doch nicht selbst verletzt. Dazu gibt es reichlich Stroboskop-Attacken, die den konfrontativen Charakter der Performance auf die Spitze treiben. Ich bin abgestoßen und fasziniert zugleich und antizipiere, dass PRIMITIVE MAN hiernach im schlechtesten Fall wie eine adipöse Schunkeltruppe wirken könnten.

 

KOLLAPS

 

Anfangs ist es sogar wirklich ein bißchen so, aber das liegt nur daran, dass P/M das am traditionellsten musizierende Outfit des Abends sind: 3 Typen mit Gitarren und Drums halt. Aber ihr apokalyptisches DoomSludgeDeathDrone-Konglomerat entfaltet schnell und verläßlich seine eigene, keinen Widerspruch duldende Macht. Succumb! Je öfter ich sie live sehe oder ihre Platten höre, desto interessanter finde ich Ethan McCarthys Gitarrenansatz: Relativ mittenbetonter Sound und kaum Riffs, was man bei Doom (um es am dieser Stelle mal bei der Einzelschublade zu belassen) nicht erwarten würde. Über weite Strecken schlägt bzw. schrammelt McCarthy offene Akkorde (keine Powerchords) und benutzt dabei ein offenes Tuning. Seine Voicings flirten immer mal wieder mit dem Disharmonischen, aber im Zusammenwirken mit Jonathan Campos' meterdicken Basstönen macht alles Sinn. Im Vergleich dazu mag Isidro Sotos Drumming relativ konventionell sludgy sein, aber es entsteht ohne Zweifel ein ganz eigener Bandsound, der P/M aus der Masse tieftönender Schlechte-Laune-Combos heraushebt. Und mit jedem neuen Release tritt die unter der vordergründigen Aggression schon immer vorhandener Verletztheit deutlicher zutage: Ethan McCarthys verrotzte Growls sind das stimmliche Äquivalent zu aus Körpern gerissenen Seelen. Sie sind Angriff und Verteidigung zugleich.

 

PRIMITIVE MANPRIMITIVE MAN

 

Die vielleicht knapp hundert Zahlenden vor der Bühne kommen in Bewegung. Sie nicken und bewegen ihre Oberkörper vor und zurück im Takt der immer aufs Neue weit ausholenden Schwere und Langsamkeit dieser Musik. Und wenn P/M mitten im schönsten Gesludge scheinbar unvermittelt in einen D-Beat wechseln, setzt die knochenzermalmende Heavyness keine Runde aus, sie wird einfach nur untenrum schneller - jedes Mal ein Highlight!

Doch gut, dass ich hergekommen bin, trotzdem habe ich genug gehört, und spät wird‘s auch. Ich lasse mich von Primitive Mans schwarz marmorierter Soundflut an Deck tragen, torkele das Fallreep runter und trete eine unvermeidlich bedröhnte Heimfahrt an. Morgen werde ich eine Paracetamol nehmen, weil ich Kopfweh habe, und ich werde wissen warum.

 

MS StubnitzMS Stubnitz

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