EA80, DIE FARCE DIE / 16.05.2026 – Scheggerott, Kneipe
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Dienstag, 26. Mai 2026 20:35
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Für einige meiner Freund:innen zählen EA80 zu den Lieblingsbands. Steffen Frahm hat hier schon einige Berichte über Konzerte der Mönchengladbacher geschrieben und bezeichnet sie als „magisches Mysterium“, das er seit Jahrzehnten liebe. Verrückterweise habe ich bisher erst ein EA80-Konzert besucht. Das ist bereits 16 Jahre her (siehe Bericht aus der T-Stube 2010). Ich fand es sehr gut, trotzdem trieb es mich seltsamerweise nicht dazu, mich näher mit der Musik zu befassen und bis zu dem Tag des heutigen Konzertes in Scheggerott könnte ich keinen Songtitel nennen. Heute ändert sich alles. Der Auftritt haut mich um.
Bilder von MJ (und Philipp - Junge kniend)
Eine langjährige Freundin Martinas ist „schuld“ – sie fragt, ob wir nicht Lust auf EA80 in Scheggerott hätten und ob wir nicht Karten besorgen könnten (es gibt sie nämlich noch, die Bauwagenmenschen ohne Internetzugang). Wir haben zum Glück Zeit, schnappen uns rechtzeitig Exemplare der begehrten Tickets, die dann auch schnell ausverkauft sind. Im Vorfeld wird’s noch besser: Buffo fragt an, ob er bei uns pennen könne, er bringe auch noch Höhnie mit und .am nächsten Tag könne man gemeinsam zum Plattenflohmarkt in Nortorf. Geklärt werden muss nur noch, wer in welchem Zimmer schlafen soll, den Buffo könne nicht im selben Raum wie Höhnie pennen, da dieser schnarche, es ist kompliziert. Im Nachhinein ist alle Planung obsolet, da Höhnie derart begeistert ist von der Aftershowparty mit DJ Bert, dass er vor Ort in der Karre pennt. Natürlich ist am nächsten Tag seine Batterie alle und er kommt um 17:00 Uhr am Schallplattenmuseum an, als gerade der letzte Stand einpackt… Aber mit einem Lächeln ob des gelungenen Abends zuvor auf den Lippen.
Und der hat es wirklich in sich! Kneipe voll, alle da. Hätte nicht mit derart vielen Bekannten gerechnet. Aus Hamburg, Kiel, Flensburg, Rendsburg sind sie angereist. Das wäre jetzt sogar ohne Bands schön geworden. Aber die wollen wir trotz der Gespräche auch sehen, also rein in den Tanzsaal (man sieht vor dem inneren Auge förmlich die Hochzeitsfeiern). Das Licht ist grottig, aber irgendwie ist es gemütlich. DIE FARCE DIE eröffnen, ein Trio aus Berlin. Die bieten eine Mischung aus Post Punk, 80er Indie und Synth Power Pop. Sehr tanzbar, gleichzeitig aggressiv und melodisch. Der Refrain „Würd die DDR noch sein / Wärst du schon ein Stasi-Schwein“ bleibt hängen. Weder die Gitarrenriffs noch die Synthieklänge dominieren, klingen paritätisch im Livemix. Leider kommen die Drums vom Band bzw. bedient die Keyboarderin ein entsprechendes Gerät, was mich letztlich davon abhält, emotional so richtig reinzukommen. Kein Schlagzeug = no satisfaction, dagegen kann ich nichts tun. Sympathische Band aber!
EA80 reißen mich sofort in ihren Bann. Alter, ist das roh! Mir war das nicht derart ungehobelt in Erinnerung, aber ich bin völlig fasziniert von dem Sound. Andere Bands türmen dicke Gitarrenwände auf, EA80 setzen gar nicht viel Zerre ein – und klingen um so direkter, authentischer. Lasst bitte den Begriff „Post“ weg, denn das ist reiner Punkrock! Auch von der vollständigen D.I.Y.-Attitüde her. Keine T-Shirts, kein großer Merch (zum Glück ‘ne Kiste mit Platten), vier Typen in schwarzen Klamotten auf der Bühne und ab. Und die Stimme bringt mich sofort zurück zum Konzert vor 16 Jahren, die klingt völlig eigen. Die Instrumente werden nicht schlicht gespielt, sondern eher malträtiert. Früh reißen Gitarrensaiten. „Ich sehe in dem Licht hier meine Spucke fliegen“, erklärt Sänger/Gitarrist Martin „Junge“, „wenn mich jemand fragt, warum ich das noch mache, dann deswegen: Ich stelle mir vor, wie euch die Rotze ins Gesicht fliegt.“ Der Mob ist heiß, überall Bewegung, gehobene Fäuste, viele schreien mit, andere knutschen in den Ecken. Junge stellt den Mikroständer plötzlich von der Bühne in den Zuschauerraum, klettert von der Bühne und singt mitten zwischen den Leuten eine ergreifende Version von – glaube ich – „Auf Wiedersehen“. Über die Reihenfolge der Ereignisse bin ich mir nicht mehr sicher, aber es gibt eine kurze (technisch bedingte?) Pause, nach der EA80 wiederkommen. Der Gesichtsausdruck von Junge wird manischer, befindet er sich in der Entfaltung? Da fällt mir erst auf, dass seine rechte Hand blutet, der Korpus seiner Strat blutbedeckt ist, ja bereits die ganze Bühne um ihn herum besudelt ist. Mit verzerrter Miene wird weitergespielt, bis zum Exzess, bis zum Exorzismus. Junge kniet sich hin, brüllt in sein Mikro, schmeißt sein Equipment über die Schulter. Hier ruft keine:r nach Zugabe.
Gestern haben sie laut Augenzeugen ein völlig anderes Konzert gespielt (Fabrik), das zweieinhalb Stunden gedauert habe. Ich denke, „unseres“ war kürzer, aber mit Sicherheit nicht weniger intensiver. Ich bin jedenfalls nachhaltig beeindruckt, begeistert, nennt es neudeutsch geflasht oder besser geblitzdingst. Da muss abgeerntet werden und während Bert loslegt, beginne ich meine EA80-Sammlung mit „Definitiv: Nein“ und „Stecker“.
Auch schön, dass die Kneipe sich nicht leert, sondern richtig viele zur Party danach bleiben. Es wird sogar der DJ-Raum erweitert, damit noch mehr Nasen tanzen können. Kein Wunder, dass Höhnie noch bleiben will. Dolle Sache, Danke an Enzo und das Team der Kneipe Scheggerott!
