DEAD STILETTOS, SAVAGE RHYTHM CLUB / 26.05.2026 - Hamburg, MS Hedi
- Details
- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Dienstag, 02. Juni 2026 16:47
- Geschrieben von Doom Fränk
- Zugriffe: 235
„Anker los und Leinen hoch!“ Dieser im Grunde einfache, aber unglücklicherweise etwas verdrehte Befehl des von sich selbst überraschten Hafenschiffers Hasso Bölters sorgte soeben für Furore an den Landungsbrücken hier auf St. Pauli. Um so mehr noch, als daraufhin ein 35 KG schwerer Anker vom Typ Epimetheus K-2000 ohne eine daran befestigte Kette die Barkasse Gabi Glitscher in hohem Bogen verlässt und auf ca. 8 Meter Tiefe in die Elbe versinkt. Wir, die Anwesenden, blicken einander nur betroffen an und Schweigen herrscht da, wo sonst lauter Trubel von den beliebten Hafenrundfahrten kündet.
„Our Metal Cruise is called MS Hedi!“, ruft irgendwann dann doch noch einer und wir setzen unseren Marsch zu der Brücke 10 an der Innerkante fort. Ja, liebe Leichtmatrosen des eingängigen 4/4-Takts, das wissen wir schon seit Jahren, nicht nur in Texas und Vancouver wird gerockt – auf der MS Hedi auch. Das nehme ich gleich vorweg – heute wird es richtig schallern! Und es wird niveaulos berichtet! Richtig gelesen! Heute noch eine Schublade tiefer als es überhaupt möglich ist. Wer hier also das Niveau des Rundbriefs der katholischen Sankt Bernhardo Gemeinde aus Ölpen/Luhre erwartet, clickt besser jetzt auf den Rückpfeil statt auf…Hin daaaaaaaa! (Oder Weiterlesen…)
An den Landungsbrücken liegt etwas in die Luft heute! Und ich meine nicht den Geruch der Nordseekrabbenbrötchen, die inzwischen für EUR 15,00 an den Fischständen verhökert werden. Früher hat man einen Kredit bei die Bank für einen gebrauchten Ford Capri RS angefragt, heute um einen kleinen Imbiss für die Werte Schwiegermutter im Hamburger Hafen zu bezahlen. O tempora, o mores! (Cicero)
Auch oben auf die Kaimauer ist bereits Stimmung und es kommt zu ersten Tumulten. Es ist natürlich(!) ausverkauft, aber es sind bestimmt noch Hunderte, die versuchen, sich Zugang zu verschaffen. Sicherheitschef und Bootsmann Gustav Strögler regelt das aber alles ganz kompetent und leger – ebenso wie alle weiteren Zwischenfälle, von denen es heute einige geben wird. Die als erste Band des Abends angekündigte Hamburger Tanzcombo „Die Nachtschwestern“ fällt übrigens wegen Krankheit aus. Schade, das wäre sonst deren erster Auftritt gewesen.
Die MS Hedi legt ab und nimmt Kurs in Richtung des Bernd-Clüver-Containerterminals nahe Fuhlswerder. Der Bugsierschlepper Charlotte Roche pflügt längsseits an uns vorbei und grüßt mit lautem Tuuut-Tuut-Tuuut zu uns herüber. Das ansonsten fest vertäute Dach aus Plane ist heute halb geöffnet und angenehm kühle, salzige Luft strömt hinein in den Bauch der Barkasse. Beide Maschinen laufen AK. Bereits jetzt sind die Jungs und die Dame vom Savage Rhythm Club an ihren Instrumenten.
Und die kennen wir alle ja auch schon! Da hat es sich doch gelohnt, jahrelang ein treuer Leser dieser lokalen Garage-Rock und Surf-Punk Schmonzette zu sein! Da steht ja praktisch ein Best of des Hamburger Rocks vor uns! Von den Beasts Cord Sicko am Schlagzeug und mighty Kid „The Kid“ Kupfer am Bass! Am Organ von den Cheating Hearts nicht Viva Zapata, sondern Viva Valli! Und an der Guitar und den Vox the one and only Stu Black! Da denke ich, ich werde doch bekloppt! Aber halt…einer fehlt da doch! Wo ist der exzentrische Sänger und Gitarrist Ray Orson? Bekannt durch die Bands The Beasts, Thee Drongos und vieler anderer mehr! Der ist leider nicht dabei, wird aber angeblich im Publikum gesichtet. Ich vermute, nach seiner super Idee mit den Wrestling-Masken bei den Drongos und den Mumien-Bandagen bei den Beasts war es auch sein Einfall, dass der SRC in roten Trainingsanzügen auftritt. Einfach nur genial, oder? Ich hoffe, dass er diesem Club ebenfalls noch beitritt, um praktisch mit so einer Twin-Guitar-Attack und Wechselgesang den Garage-Punk-Rock ganz neu zu definieren.
Wobei, den Wechselgesang gibt es jetzt auch schon bei diesem Auftritt. Und zwar zwischen Cord Sicko und Stu Black! Letzterer ist übrigens seit Jahrzehnten bei jeder Wahl zum attraktivsten Rock-Musiker Hamburgs unter den Top 10 vertreten; auch heute wieder bringt er besonders das weibliche Publikum zum Kreischen. Es wird aber auch eine Bühnenshow von ihm geliefert, die auf engstem(!) Raum alles rausholt, was drin ist. Da wird gekniet, geschrubbt und die Rübe geschüttelt. Stu wäre aber nicht Stu, wenn er sich nicht nach jedem abgerockten Song die gegelten Haare kämmen würde. Da die Musik etwas wilder als die der Cheating Hearts ist, muss er dies auch öfter und so fliegt ein benutzter Kamm nach dem anderen in das schnaubende Publikum. Kleine Info an die Kamm-Sammler unter der Leserschaft: Die Kämme sind erneut auf 100 Stück limitiert und mit Logo versehen. Das marmorierte Plastik lässt sie zudem hochpreisig wirken – angeblich werden sie nahe Finkenwerder in Heimarbeit von Oma Pötter beklebt und dort auch handnummeriert. Vermutlich sind nur noch 99 derer im Umlauf, da einer aus einem der geöffneten Fenster von Stu unabsichtlich direkt in die Elbe befördert wird. Das nur als Hinweis für Komplettisten…alle 100 bekommt keiner mehr zusammen.
Sei´s drum, schneller Garage Rock/Punk mit starkem 60s Vibe wird nun gespielt, die E-Gitarre jault, Stu kreischt die Vocals in das Micro und im Hintergrund orgelt die Orgel, die Viva Valli mit leicht gelangweiltem Gesichtsausdruck und mit kompliziert wirkender Fingerakrobatik bedient. Bei Tori Amos sieht das anders aus, aber die spielt ja auch keinen geilen, heißen Garage Rock! Ein Auftritt, wie er zu erwarten war! Im Herbst hoffentlich die gleiche Chose wieder! Das ist momentan Hamburgs heißester Scheiß!
Ehrlich gesagt bin ich nur wegen die Vorband an Bord der MS Hedi. In die Hauptband habe ich nie reingehört…das war mal wieder ein mächtig großer Fehler… Die MS Hedi legt heute nicht an, die Musiker von Dead Stilettos aus Manchester sind bereits an Bord und bauen um. Sänger Jack Preston macht schon einen leicht angeschossenen Eindruck, aber vielleicht ist er ja auch seekrank. Neee…jetzt trinkt er Bier und danach nen doppelten Appelkorn…der ist nicht seekrank.
Mit Sonnenbrand und der coolen Sonnenbrille auf halb Acht geht es ab. Das Ganze geht schon mehr als cool los und der Geruch von Adrenalin, Schweiß und Chaos liegt in der Luft. Eng und heiß ist´s, Gitarrenhälse wirbeln herum und Proto Post Punk knallt aus den Boxen. Dazu zischt ein Synthesizer schräge Melodien darunter und der Gesang wird entweder coolest vorgetragen oder auch mal energisch rausgerotzt. Die Band könnte schon 20 Jahre im Geschäft sein, so routiniert und gelassen kommt das rüber. Alle wirklich super! Die ganze Bande!
Ich finde bisher alles richtig geil, aber bei „I wanna be departed“ merke ich, hier ist ein – für mich – riesen Hit am Start. Die Geschwindigkeit wird etwas gedrosselt, der Gesang auf „lässig“ gestellt und der Synthesizer Spieler wechselt an die Saxomopete. Uff, denke ich zuerst, das mag ich ja normal gar nicht. Lieber eine (Strophe) gegeigt als einen (Akkord) geblasen bekommen, sag ich ja immer. Aber hier wird es gehandhabt wie bei Theatre of Hate! Die Saxomopete folgt dem Lead der Gitarre und spielt nicht wie beim Jazz oder Ska oder so irgendwas ganz eigenes. Es wird also geblasen. Und das ist super so. Ich wiederhole das gerne, damit die, die dem Disclaimer nicht gefolgt sind, gleich wieder schreien. Wir sind also auf einer Barkasse im Hamburger Hafen und bekommen alle einen geblasen – einen Akkord natürlich. Man (oder vermutlich frau) würde das ja nicht bei einem männlichen Saxomopete Spieler schreiben – doch natürlich würde man/frau das. Er bläst uns allen einen. So, das ist eben geschehen. Weil wir einen geblasen bekommen. Nun aber weiter im Review!
Das ganze Set ist super! Was alles passiert, kann ich gar nicht zusammenfassen, da es so viel ist. So ein Gummi-Huhn übernimmt kurzzeitig den Quitsch-Gesang, der Sänger singt im Liegen, geile Leads werden gespielt, Sonnenbrillen getauscht, mehrstimmiger Gesang, Appelkorn getrunken, das Schlagzeug hämmert los, Kämme fliegen, der Bassmann haut heftige Leads raus, Bier wird bestellt, der Synthesizer mit den Zähnen gespielt, ein Tischfeuerwerk oral genommen, eine Hi-Hat geht über Bord, das Tankschiff Blister 7 auf Steuerbord signalisiert uns Seenot, Sicherheitschef und Bootsmann Gustav Strögler kommt ins Schwitzen, ein Proto Post Punk Hammer nach dem anderen wird gezockt, der Sänger steckt das Mikro so tief in seine Fresslucke, dass nur noch das Kabel heraus schaut und zeigt allen Anwesenden, wie tatsächlich guttural gesungen wird. Kurzum: Auf der Hedi herrscht das Chaos und alle finden es richtig geil! Die Mancunians können es einfach, alles wirkt frisch, voller Energie und siedend heiß. Die Band ist natürlich auch begeistert und betont, dass dies die größte Bühne ist, auf der sie bisher je gespielt haben. Demnächst kommen sie wieder nach Hamburg, dann wird der Schuppen bei dem Talent und Sound und Unterhaltungswert schon erheblich größer sein – aber so geil wie auf der Hedi kann es nie wieder werden. Ich hätte gerne noch ne CD „abgeerntet“, aber es gab leider nur Platten. Ach…unser Exil-Zagrebber war auch da und hat eine davon eingepackt.
All hail the Mancs!
