SUGAR, J. ROBBINS / 11.06.2026 - Berlin, Hole44

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„Skip me!!“ ruft ein hochemotionalisierter BOB MOULD, während er mit großer Geste seine Bandmitglieder vorstellt, und nochmal: „SKIP ME!!!“ Hier steht nicht Bob Mould solo auf der Bühne, sondern SUGAR, die über 30 Jahre brauchten, um wiedervereinigt auf Tour zu gehen und später im Jahr sogar noch ein neues Album zu veröffentlichen. Sugar sind eine BAND, mitnichten Bob Mould und eine rhythm section - was ja dann auch wieder nur eine Band ist, herrje, aber es scheint Mould eine Herzens- und Bauchangelegenheit zu sein, klarzustellen, wie großartig er diese beiden Typen, MALCOLM TRAVIS und DAVID BARBE, findet und wohl auch, wie froh er ist, dass diese Reunion doch noch passieren konnte und dass es noch nicht zu spät war dafür (..tick…tick…tick…). „I LOVE playing with these guys!“ bekennt er an anderer Stelle inbrünstig. Da sage ich völlig ironiefrei: Wie schön! Und die Diskussion, ob John Wurster und Jason Narducy, Drummer und Bassist der Bob-Mould-Soloband, eventuell die besseren Musiker sind, kann man sich eh schenken. 2026 ist das Sugar-Jahr, und ich bin verdammt froh, heute dabei zu sein, im Hole44 in Neukölln.
 
„…Psyched to be on tour with these guys…“ war zuvor auch J. ROBBINS, einstmals bei JAWBOX (nie gehört, ich). Sein gut 40minütiges Set landet direkt auf meiner noch zu kompilierendem Liste der besten supports für Künstler, deren Show ich so sehr herbeisehne, dass mir Vorgruppen oder -individuen eigentlich nur im Weg sind: Wirklich eigenständiges Songwriting mit überraschenden harmonischen Wendungen, so geschickt plaziert, dass es nie verkopft oder maniriert klingt; herausragendes Gitarrenspiel mit tollen voicings und pickings; ausdrucksstarker, facettenreicher Gesang, gute Texte (Bin ja nicht so der Texthörer, aber was zu mir durchdringt, ist gut)! Die Erkenntnis, am selben Tag Geburtstag zu haben wie Donald Trump (14. Juni, HEUTE!) habe ihn hart getroffen, erklärt er, und dann habe er einen Song darüber geschrieben. Ebender ist dann zwar der schwächste im Programm, aber die aufrichtige Abneigung gegen den Orangenkönig haben wir gemeinsam. J. Robbins, guter Mann!
 
 
Meine ersten beiden Sugar-Konzerte Anfang der NEUNZIGER waren BEI WEITEM DIE LAUTESTEN KONZERTE, DIE ICH JE ERLEBT HABE.
 
Ich wiederhole: Meine ersten beiden Sugar-Konzerte waren BEI WEITEM DIE LAUTESTEN KONZERTE, DIE ICH JE ERLEBT HABE.
 
Leute, mit denen ich mich heutzutage gelegentlich über diese gehörschädigenden Abende austausche, kannte ich damals noch gar nicht, aber sie waren alle da. Später habe ich mit einigen von ihnen Musik gemacht, Bekanntschaft geschlossen, mich angefreundet oder Musik gemacht UND mich angefreundet. Sugar waren Bob Moulds Powertrio (Sagt man noch so?) nach HÜSKER DÜ und wirkten auf der Bühne weniger paritätisch als letztere: Mould als main guy, der 90% der Songs schrieb, dessen BreitwanddistortiongitarrenSOUND ÜBERALL war und dessen Angewohnheit, Setlisten von den Alben abzuschreiben, er direkt mitgebracht hatte: The Act We Act / A Good Idea / Changes.
 
Und genau dieser Eindruck, um mal wieder zum Konzert zurückzukommen, der Eindruck also, dass Sugar am Ende des Tages eben doch sowas wie ne Bob-Mould-Band sind, relativiert sich heute, und darauf war ich nicht vorbereitet: David Barbes Songs, die damals B-Seiten-Material waren und wegen Moulds Überpräsenz zumindest meiner Wahrnehmung latent entschwanden, SIND TOTAL GUT GEALTERT! Sie haben das Überraschungsmoment auf ihrer Seite und wirken heute besser als früher! „Company Book“, der einzige Barbe-Song, der es auf ein Sugar-Album schaffte [File Under Easy Listening, 1994], eröffnet die Auswahl, aber der eben angesprochene AHA-ALTER!-Effekt stellt sich so richtig erst beim hypermelodischen „Where Diamonds Are Halos“ ein, einem Sugar classic in its own right, den es in etlichen Liveversionen gibt und von dem sie meines Erachtens mal eine ordentliche Studioversion machen sollten/oder auch nicht. Was für ein Juwel von Lied! Steht den Mould-Brechern in nichts nach. Und je mehr Barbe-Songs kommen, desto mehr drängen sich HüDü-live-Assoziationen auf, Mould-Hart-Mould-Hart, Girl Who Lives On Heaven Hill/I Apologize/Pink Turns To Blue/Chartered Trips, ZAPP!/ZAPP!, der ständige Wechsel zwischen zwei großen Songwritern; und so ähnlich entwickelt es sich heute: David Barbes Beiträge lassen das euphorische Geschehen in keiner Weise abflachen, ich (und wenn ich, dann viele andere auch) begrüße sie mit der gleichen Willkommensfreude wie, sagen wir mal „Hoover Dam“ oder „Gift“.
 
Mein persönliches Barbe-Highlight ist das melancholisch schleifende „Frustration“. Am Ende werden Sugar Barbes gesamten Katalog-Anteil gespielt haben, abgesehen vom sarkastisch-traurigen „Beer Commercials“.
 
Sekundärassoziation: Bob Mould hat während der Barbe-Songs viel größere Freiheiten, auf der Bühne Luft zu verdrängen (wie ein lieber Bekannter, der damals dabei war, ohne dass wir einander kannten, und der heute auch dabei ist, es treffend formuliert. Außerdem stellt er anhand eines CLASH-CITY-ROCKERS-Auftritts anno Endeneunziger den Verdacht in den Raum, dass Bob Mould sich BEWEGUNGEN VON MIR ABGESCHAUT hätte, weil ihn die Art, wie ich damals auf der Bühne Luft verdrängte und mit meinen 8-Loch-Martens aufstampfenderweise die Bühne zum Erzittern brachte, an Moulds hochkinetischen Stageact erinnern würde - DANKE, ALI, das dürfte das erste Mal im Leben sein, dass ich die Chance ins Kalkül ziehe, in meinen clumsy grobmotorischen Bewegungsmustern, meiner ganzen physischen Uneleganz und zeitweiligen Korpulenz könnte am Ende doch noch etwas Gutes stecken…………….bleibt die Frage, warum mir damals niemand gesagt hat, dass Bob Mould in Rendsburg war…).
 
Aber skip me. Jedenfalls: Wenn Grant Hart zum Mikro griff, flippte Mould noch ein bißchen mehr aus, und das tut er heute auch, wenn Barbe dran ist. Allerdings ist Bob Mould vom ersten Moment des Gigs an randvoll mit Energie und Motivation. So heiß wie heute habe ich ihn meines Wissens nie erlebt, und ich war schon auf einigen Bob-Mould-Konzerten. „I‘ve been waiting all f***in‘ year for this show!“ schleudert er uns noch vor dem ersten Song entgegen und schaut grimmig in den Saal, als würde er sagen: „WIR HAUEN HIER GLEICH EINEN RAUS, UND DANN SOLLT IHR ABER MAL SEHEN…“ - was sie dann auch tun. Mould dorscht und poltert über die Bühne, drischt auf seine Stratocaster ein und variiert seine vocal lines, wie es ihm in den Kram paßt. Ein anderer guter Bekannter äußerte sich neulich moderat irritiert über dieses „…vogelwilde…“ (gutes Wort!) Gesinge. Aber war das nicht schon damals so, als wir uns bei Sugar kollektiv die Ohren ruinierten? Man muß dabeigewesen sein, um es nicht mehr genau zu wissen. Mould steigert sich rein, und David Barbe lächelt beglückt über die totale Losgelassenheit seines Bandkollegen. Anrührend, das zu sehen. Die Chemie dieses Trios muß wirklich gut sein. Vielleicht machen sie ja nach der kommenden gleich NOCH EINE PLATTE…
 
Erste, noch etwas milde Überraschung: „Your Favorite Thing“ - hatte ich ein bißchen vergessen, den Song, und deswegen freue ich mich umso mehr, dass er heute gegeben wird. Ich registriere, dass ich den (nicht sonderlich umfangreichen) Text auswendig kann und krähe fröhlich die Gesangslinie der Studioversion.
 
Härter trifft mich da schon „Explode And Make Up“ - Wenn ich in den letzten zig Jahren zur Akustischen griff und mich fragte, welche Akkorde ich heute spielen könnte, waren fast immer die von „Explode And Make Up“ dabei: e, G, C, so einfach, so wirkmächtig, und Mould wirft sich in den Song. Auf den alten Liveaufnahmen waren mir die Versionen manchmal zu zerschossen, auch wenn ich immer verstanden habe, dass Stücke wie dieses oder auch „The Slim“ ein abgrundtiefes emotionales Potential in sich tragen, dass man ausreizen kann, wenn man will - Heute spielen sie es straighter, kompakter, näher am Studiotake, aber Mould hat natürlich so oder so jede Menge Möglichkeiten, sein volles Herz auf uns auszuschütten. Und er ergreift sie. Und uns. Ich liebe diesen Typen. Auch weil er, kaum dass „Explode And Make Up“ halbwegs ausgeklungen ist, mit der B-Seite „Needle Hits E“ den Scherbenhaufen wie nichts vom Tisch schwiemelt.
 
Und dann, völlig unerwartet meinerseits, „Come Around“, fast ein Instrumental, wenn Mould nicht die Titelworte singen würde über diese majestätisch klirrenden, offenen Akkorde. „Come Around“, Opener der „Beaster“-EP [1993], dem vielleicht brachialsten Stück Indierock, das je produziert wurde, dem „evil twin“ (wie Mould selbst es ausdrückte) des Hitalbums „Copper Blue“ [1992] - Mein SOTN (Song Of The Night), um mal eine Kategorie zu bemühen, die Mould ständig in seinen Facebook-Posts bedient. Ich schwebe im betörenden Krach.
 
Nach „Tilted“ ist Bob Mould offenbar endgültig auf Hundertachtzig, steht vor dem Drumriser, gestikuliert irgendwas zu Malcolm Travis, der daraufhin anzählt und „Helpless“ trommelt, während David Barbe und Mould „JC Auto“ spielen, Mould mit chaotischen bendings, weil er für kontrolliertes Spiel keine Zeit mehr hat. Travis switcht um, und „JC Auto“ wird der ultimative Katharsis-Moment dieses an quasiexorzistischen Gefühlseruptionen nicht gerade armen Konzerts. Ich weiß nicht mehr, ob es hier oder an anderer Stelle war, dass Mould einfach in der Nähe seines Mikrofons stand und wiederholt irgendwas brüllte wie im Schlußfeedback von „Plans I Make“ [New Day Rising, 1985]: „….PLANS!….MAKE!….PLANS!….MAKE!…“ - oder ob er nur dastand und mit pharaonisch vor der Brust gekreuzten Armen in die crowd starrte. Ich habe mal über JOHN COLTRANE gelesen, dass er in seiner free-jazz-Phase, zweite Hälfte der 60er Jahre, manchmal das Saxofon absetzte, nur noch guttural brüllte und sich dazu auf die Brust schlug - als würden die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments nicht mehr genügen, als wäre da noch mehr emotionales Rohmaterial, das raus mußte, egal wie. An solche Punkte scheint Bob Mould an diesem denkwürdigen Abend auch zu kommen. 65 Jahre und noch so viel zu geben! Long live SUGAR, long live BOB MOULD!

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