DEATH TO ALL, SPECIES, SPEARHEAD / 06.06.2026 – Hamburg, Kultur Palast
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Mittwoch, 01. Juli 2026 14:15
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Der Juni hat es wirklich in sich. Noch hat man gar nicht das BLOOD INCANTATION-Konzert und das ELL FEST verdaut, da folgt mit DEATH TO ALL bereits das nächste potenzielle Highlight. Ich sage schon mal vorab, dass diese Veranstaltung an Hitze sogar die Kieler-Woche-Konzerte Ende Juni übertrifft. DEATH TO ALL verwandeln den Kultur Palast in eine Death-Metal-Sauna. Ich hatte diese DEATH-Tribute-Variante bisher noch nicht gesehen, aber natürlich LEFT TO DIE und GRUESOME. Wie würden sie wohl im Vergleich abschneiden? Mit Gene Hoglan, Steve Di Giorgio und Bobby Koelble sind drei DEATH-Originalmitglieder und absolute Legenden am Start, aber wie wird sich der mir noch unbekannte Max Phelbs (g, v) schlagen, der immerhin Chuck Schuldiners Rolle einnehmen soll? Und werden sie ausschließlich Songs von „Symbolic“ und „Spritual Healing“ spielen, wie das Tourmotto „Symbolic Healing“ vermuten lässt?
Bilder von MJ und Börbel.
Bevor derartige Fragen geklärt werden können, gibt es erst mal die deutsche BOLT-THROWER-Coverband SPEARHEAD vor den Kopp. Ich bin eigentlich kein großer Freund von Coverbands (DEATH TO ALL und LEFT TO DIE sind für mich anders gelagerte Fälle, da jeweils Originalmusiker mitspielen), aber wenn es das zu covernde Vorbild nicht mehr gibt, hat das Ganze gleich mehr Berechtigung. SPEARHEAD bringen den Groove und die Wucht der Death-Metal-Riffkönige recht ansprechend auf die Bühne. Natürlich klingen sie nicht so zwingend wie BOLT THROWER selbst, denn deren geheime Formel der absoluten Heaviness wird immer noch zu enträtseln versucht (ein international besetztes Gremium aus Metallurgen arbeitet Tag und Nacht an der Entschlüsselung). Aber mit viel Spaß in den Backen gelingt ein Gute-Laune-Abriss, der bereits viele Nackenmuskeln aktiviert. Die Songauswahl ist gelungen, denn mit z.B. „Cenotaph“, „Powder Burns“, „The Killchain“, „War Master“, „Where Next To Conquer“ oder „At First Light“ (ich verwechsle das hoffentlich nicht mit den ebenfalls kürzlich erlebten FOR VICTORY) sind natürlich nur Knaller dabei. Kunststück, gibt ja auch keinen schwachen Song beim Bolzenwerfer. Der Sänger grinst über beide Backen und wünscht uns noch viel Spaß, sympathischer Typ.
Die nun folgende Band SPECIES sagt mir gar nichts und wird als polnischer Tech Death angekündigt. Sowas kann ja auch scheiße sein, wenn zu gefühllos herumgefrickelt wird. Doch SPECIES erweisen sich als überaus positive Überraschung! Drei Dudes in Hawaii-Hemden betreten die Bühne und bieten eine Mischung aus CYNIC, ATHEIST, TOXIC oder CORONER! Das Ganze gar nicht mal so sperrig, sondern meist schön fluid gezockt und mit ausgefeilten Arrangements komponiert. Ich empfinde sie insgesamt stärker im Thrash als im Death Metal verankert und freue mich über die irren Breaks und die hohe Dynamik ihres Sounds. Wobei die Gitarre etwas kräftiger klingen dürfte. Was viele Anwesende für die Band einnimmt, ist ihre dankbare Art. Der Sänger/Bassist Piotr Drobina sagt mehrfach, dass er gar nicht fassen könne, auf dieser Tour dabei sein zu dürfen. Ich will mich erntetechnisch gerade etwas zurückhalten, aber zu Hause überrascht MJ mich mit der Tapeversion ihres aktuellen Albums „Changelings“ – ein ziemlicher Hammer mit sieben Smashern, von denen mich vor allem das auch live dargebotene „Biological Masterpiece“ begeistert (hört euch den mal an, am Ende gibt es einen krassen Prog-Thrash-Part, bei dem man einfach headbangen muss).
Aaaah und nun – Bühne frei für DEATH TO ALL! Was gleich auffällt: Wie gut ist denn bitte der Sound! Fett, mächtig und transparent donnert nach dem „Indernal Death“-Intro gleich mal „Living Monstrosity“ über uns hinweg. Hallelujah, das klingt ja wie früher! Max Phelbs hat es tatsächlich gut drauf, diese typisch giftigen Chuck-Schuldiner-Vocals rüberzubringen, die derart gut akzentuiert werden, dass man jedes Wort versteht (nur einer der vielen Aspekte, der DEATH von anderen Death-Metal-Combos herausstechen ließ). Was Gene Hoglan und Steve Di Giorgio abreißen, das konnten Zeitzeugen zwar schon mehrfach erleben, das mindert aber nicht die Wirkung der Darbietung. Im Gegenteil, man spürt mal wieder, wie sehr DEATH und Chuck fehlen. Was hätte dieser viel zu jung verstorbene Musiker nicht noch alles komponieren können! Er könnte noch unter uns weilen. Fuck Cancer! Umso wichtiger, dass sein Vermächtnis am Leben gehalten wird. Und das geschieht ja seit einiger Zeit wieder vermehrt, ich weise nur auf die Reissues, das SPIRIT CRUSHER-Mag, die „Human“-Biografie von Gehlke oder natürlich die bereits erwähnten Bands hin. Aber zurück zum Konzert: Während manche Bassisten mit Sechssaitern protzen, spielt Di Giorgio einige Stücke auf Drei- oder gar Zweisaitern – und verknotet mit seinen Basslinien damit dennoch so manches Gehirn. Der Gute hat eh den Schalk im Nacken, begibt sich häufiger an Phelbs Seite und ruft diesem irgendetwas Neckisches zu, was dieser jedoch meist stoisch ignoriert, ab und zu muss er aber doch lachen. Die gute Laune auf der Bühne ist berechtigt, denn die knüppelvolle Hatte dreht mit jedem Song mehr durch. Es sind sehr viele Headbanger anwesend, die DEATH nicht mehr erlebt haben können, weil sie dafür zu jung sind. Mit „Defensive Personalities“ folgen DEATH weiter der „Spiritual Healing“-Linie, aber bereits mit dem nächsten Song folgt die erste Überraschung: Eingeleitet von einem herrlichen Di Giorgio-Basssolo bricht „Lack Of Comprehension“ über uns herein. Und so geht das über zwei Stunden lang weiter! Ja, DEATH TO ALL spielen ein Set von 2h, 10 Minuten Länge – das hat man auch nicht so häufig, gerade im extremeren Bereich. Aber es gibt so viel Songs zu wählen aus so unterschiedlichen Phasen! In den „Spiritual“-Block mischen sie noch „Zombie Ritual“ (argh!) und „The Philosopher“ hinein, bevor sie tatsächlich die gesamte (!) „Symbolic“ herunterzocken. „1000 Eyes“! „Crystal Mountain“! Was sind das für Abfahrten, was ist das für zeitlos geniale Musik! Dabei komplett trendfrei und zu 100% Heavy Metal. Die Hitze im Saal nimmt unbeschreibliche Ausnahme an. Und ich empfinde das als irgendwie angenehm und genau richtig so. Kommt vielleicht von 40 Jahre Proberaum, von diesem „Five guys in a really hot garage“-Feeling, das für mich positiv besetzt ist und für Kreativität steht. Es naht aber das Unvermeidbare: Ist mit „Perennial Quest“ nun auch das Konzert beendet? Nein, Gene Hoglan setzt sich wieder auf seinen „Thron“ und böllert los: „Spirit Crusher“ und „Pull The Plug“ folgen in tödlich präzisen Versionen, die dem Vermächtnis von Chuck alle Ehre erweisen. WHY DON’T YOU – ratatata ratatata – PULL THE PLUG!
Das war mehr als nur ein „Konzert“, das war mehr als nur „Musik“. Es fühlte sich wie ein Eintauchen in eine spirituelle Welt an, wie in einen musikalischen Kosmos mit völlig eigener Sprache und Bildgewalt. Neben Chuck Schuldiner sollte auch anderen Musikern gedacht werden, die am DEATH-Gesamtwerk beteiligt waren und bereits von uns gegangen sind: R.I.P., Scott Clendenin; R.I.P., Mark Carter; R.I.P., Sean Reinert; R.I.P., Ralph Santolla!
Eines der besten Konzerte 2026, das ist jetzt schon sicher.
