SAMMY HAGAR, JAYLER / 06.07.2026 – Wolverhampton, Civic Hall
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Samstag, 08. August 2026 11:14
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Seit langen Jahren warte ich mittlerweile auf die Chance, SAMMY HAGAR endlich einmal live zu sehen. Mit MONTROSE, seinen Soloalben, CHICKENFOOT und natürlich VAN HALEN hat er für mich einige der besten Werke der Hardrock/Rock-Geschichte kreiert. Rock Candy, Alter. Leider habe ich die wenigen Chancen, die es in Deutschland bisher gab (von VAN HALEN 1993 in Hamburg und von CHICKENFOOT in Düsseldorf 2012 erzählen mir Leute regelmäßig), verpasst oder hatte zu diesen Gelegenheiten nicht den Kopf frei dafür. Der Mann kommt selten nach Deutschland, wenn überhaupt nach Europa. Umso mehr elektrisiert mich 2025 die Nachricht, dass SAMMY HAGAR auf UK Tour geht, zufällig fast genau ein Jahr nach seinem Gig auf dem BACK TO THE BEGINNING Festival in Birmingham. Strecker, Martina und ich sind uns einig: Da müssen wir hin! Zum Glück bauen wir noch eine Woche Urlaub inkl. London um das Konzert, denn kurz vorher werden die Dates und Venues noch einmal geändert. Die Birmingham-Show findet nun einen Tag später in Wolverhampton statt, einem Vorort von Birmingham. Dies ist für uns zum Glück kein Problem, wir müssen zumindest keine Flüge umbuchen. Der Bucketlist-Alarm erschallt erneut, für mich ist dies die vielleicht größte noch zu füllende Lücke meiner Konzertvita!
Bilder von MJ, Strecker und Philipp.
Birmingham! Ich bin völlig überwältigt davon, wie sehr in dieser Stadt das Leben und Wirken von OZZY OSBOURNE und die Bedeutung von BLACK SABBATH gefeiert wird. Ein Jahr nach BACK TO THE BEGINNING und Ozzys Tod scheint die Legende von SABBATH um ein Vielfaches gewachsen zu sein. Wir besuchen in den Tagen vorm Konzert die SABBATH-BRIDGE und -BENCH und können uns dort einer Gänsehaut nicht erwehren, die Ausstellung „WORKING CLASS MAN“ über Ozzys Leben und Wirken im Birmingham Museum & Art, den Club THE CROWN, in dem BLACK SABBATH ihren ersten Auftritt hatten, den mechanischen OZZY THE BULL in der Grand Central-Station, diverse BLACK-SABBATH-Streetart-Plätze (u.s. THE MURAL), die IRON MAN-Statue, eine Ausstellung zum BACK TO THE BEGINNING-Festival, einen lebensgroßen LEGO-OZZY und weitere Orte. Und sehen damit noch nicht mal an allen OZZY/BLACK SABBATH-Gedenkstätten. Ich finde es bewegend, am „birthplace of Heavy Metal“ Birmingham die Liebe zu OZZY zu spüren. Im Bericht gibt es hier nur ein paar Bilder, mehr findet ihr in der Galerie. BLACK SABBATH FOREVER!
Gleich am Ankunftstag ziehen Strecker und ich schon mal los, um den Metal-Pub Scruffy Murphys aufzusuchen, in dem wohl NAPALM DEATH und BENEDICTION frühe Shows ihrer Karrieren gespielt haben. Auf dem Weg merken wir: Es gibt derart viele OZZY-Graffiti in Birmingham - wenn du bei jeder Sichtung einen Schnaps tränkest, würdest du mit Alkoholvergiftung enden... Im Scruffy Murphys spielt der DJ heute ausschließlich BLACK SABBATH, schließlich haben wir heute den 4. Juli. Wir merken plötzlich, dass der Schuppen noch einen Keller hat, schlurfen die Treppe hinunter und werden von einer Wand aus Krach begrüßt. So landen wir ungeplant direkt auf einer Undergroundshow, mit VOIDLURKER spielt bereits die letzte von vier Bands. Fieser Sludge/Doom mit harschen Vocals wird geboten. Die Größe des Raumes entspricht etwa der der alten Schaubude. Da fühlt man sich doch gleich wie zu Hause und wir kommen schnell ins Gespräch mit Musikern, Besucher:innen und Nerds, landen durch ein T-Shirt irgendwie beim Thema SADISTIK EXEKUTION.
Aber spulen wir langsam mal vor zum 06.07.: Mit der Tram geht es nach Wolverhampton, wo wir gleich ein schwedisches Pärchen kennenlernen, mit dem wir noch in einen Pub gehen und Bier, Fish & Chips genießen. Wenig später stehen wir vor der Civic Hall, um die herum sich eine gigantischen Schlange zieht. Für SAMMY HAGAR ist der Schuppen wahrscheinlich ein intimer Club, 3500 bis 4000 Nasen fasst das Teil aber schon und es ist ausverkauft. Drinnen gibt es an den Seiten gut erreichbare Tresen, hinreichend Toiletten und keine längeren Wartezeiten. Heiß ist es, wie überhaupt während unserer UK-Woche Temperaturen von deutlich über 30 Grad herrschen.
Erst war ich ja etwas enttäuscht über die Vorgruppenwahl, hatte man für die ursprünglichen Dates doch JOAN JETT angekündigt, die ich bisher erst einmal live gesehen habe. Stattdessen gibt’s nun JAYLER, was dat denn? Gleich beim ersten Ton und angesichts der optischen Erscheinung klappen uns aber die Unterkiefer runter: Was für eine herrliche Combo! Die Dudes sind blutjung, sehen aus wie LED ZEPPELIN und klingen auch noch so. Dabei wirken sie aber keineswegs wie einer dieser blutarmen LED-Clones, sondern leben diese Musik und Attitüde mit jeder Pore und jedem Bühnenmove. Der Gitarrist wird uns als Tyler Arrowsmith vorgestellt. Mit diesem Namen bist du quasi born to rock. Sänger James Bartholomew überzeugt uns mit jedem Gesangseinsatz mehr, überhaupt tobt das Publikum bald und feiert diese jungen Helden. Bartholomew tänzelt lasziv über die Bühne, spielt zwischendurch Mundharmonika und lässt Plant-artige Schreie ertönen. Zum Equipment gehört ein überdimensionierter Gong, damit die Reise durch den Zeittunnel auch wirklich glückt. Am Ende des Abends ernte ich am Merch das Debutalbum „Voices Unheard“ ab und sage mittlerweile, dass es ziemlich sicher zu den besten Hardrockalben 2026 gehören wird. Eine unbeschwerte Sommerplatte mit herrlichen 70er Vibes. Im November auch bei uns live zu sehen – im Vorprogramm von DEEP PURPLE. Einen derartigen Aha-Effekt verspürte ich seit dem RIVAL-SONS-Erstkontakt nicht mehr, total geil!
Yeah, SAMMY HAGAR hat eine Top-Mannschaft dabei: An der Gitarre Joe Satriani, am Bass Michael Anthony und am Schlagzeug Kenny Aronoff (IOMMI, BOB DYLAN, IGGY POP… alle) und dazu ein Gast-Keyboarder und Backgroundsänger namens Nathan Mercado. Ihre Mission: THE BEST OF ALL WORLDS darzubieten, also nicht „nur“ ein VAN-HALEN-Programm, sondern alle Stationen in der Karriere SAMMY HAGARs. Für mich ist das genau die Idealsetlist, liebe ich doch Alben wie „Standing Hampton“ oder „VOA“ ebenso wie „5150“ etc.
Als die Musiker die Bühne mit einem breiten Grinsen betreten, weiß man schon: Das kann nur gut werden. Die Rahmenbedingungen – druckvoller, klarer Sound, Old-School-Equipment, Video-Einspieler im Background, gute Sichtverhältnisse – sind optimal, sodass dieses massive Display an Talent sich voll entfalten kann. Es ist unglaublich, wie fit SAMMY HAGAR selbst ist, schließlich ist der Mann 78 Jahre alt! Die Stimme klingt absolut kraftvoll und charismatisch, wird zudem noch durch Backgroundgesänge der anderen Musiker unterstützt (besonders Michael Anthony klingt fantastisch, er hat immer noch diese glockenhelle Stimme). Mit „There’s Only One Way To Rock“ geht es gleich mit einem „Standing Hampton“-Knaller los, wunderbar. In der Folge springt die Band zwischen den Stationen aus HAGARs Karriere hin und her, spult dabei aber nicht die Setlist der letzten Livescheibe ab, sondern überrascht immer wieder mit ganz anderen Tracks. Satriani ist der Wahnsinn, einer der wenigen Gitarristen, welcher die Eddie-Van-Halen-Trademarks liefern kann, gleichzeitig eine eigene Note hineinbringt. Das zeigt er bei „Top Of The World“, „Runaround“ und „Best Of Both Worlds”, bevor mit dem monströs groovenden “Big Foot“ (CHICKENFOOT) und „Bad Motor Scooter” (MONTROSE) zwei totale Sensationen folgen. Yes, der Konzertbesuch hat sich jetzt schon gelohnt! Im Hintergrund fliegt Evil Knievel und SAMMY HAGAR umklammert mit erhobenen Händen die fiktiven Griffe des zugehörigen Krads. Der Tod springt mit! Und Hagar hat plötzlich auch eine Gitarre in der Hand und gniedelt ein Solo.
Es ist ja ein uralter Streit, ob VAN HALEN nun mit DAVID LEE ROTH oder eben SAMMY HAGAR besser gewesen seien. Ich kann mich da nicht wirklich entscheiden, mag aber die Stimme HAGARs lieber. Und „5150“ ist für mich eines der wichtigsten (Hard)Rock-Alben. Deshalb: Gänsehaut, als der Titelsong gezockt wird, gefolgt von „Love Walks In“. Die schwierigsten Lieder seien nun gespielt, verkündet SAMMY HAGAR, da könne man nun auch Tequila trinken. Spricht’s, köpft ein paar Pullen und reicht ein paar Fläschchen seiner Tequila-Marke ins Publikum, gefolgt von „Cabo Wabo“ und „Mas Tequila“, dazu Bilder und Videos mit Szenen aus der von ihm gegründeten Cabo Wabo Cantina in Mexiko. Macht das Zeug wahnsinnig? Die Band jedenfalls will es nun wissen und feuert „Why Can’t This Be Love“ und „Right Now“ ab, inkl. grandioser Satriani-Soli und Bass-Abfahrten, von Aronoff-Schweinereien ganz zu schweigen. Das folgende „Somebody Call Me A Doctor“ singt Michael Anthony allein, und das richtig gut. Eine der vielen Überraschungen im Set. Mindestens so groß wie die folgende: SATRIANI zockt zu entsprechenden Hintergrundmotiven das Titelstück seines Solodebuts „Surfing With The Alien“. The Best Of All Worlds Indeed. Den Mann hab ich mit seinen Solo-Sachen vor Ewigkeiten zwei Mal im Docks gesehen („Flying In A Blue Dream“-Phase), somit ist das ein unerwarteter Bonus.
Zu „Good Enough“ kehrt der Mainman zurück. Die Hitze im Saal ist krass, der Enthusiasmus der Meute noch größer. Langsam wird es Zeit für ein paar der großen Solo-Nummern, denke ich noch, da kommen tatsächlich auch „Heavy Metal“ und „I Can’t Drive 55“, beide mit den dazugehörigen Film- und Video-Einspielern. Genau das wollte ich sehen, hören und erfahren, Danke! Ruhiger wird es mit „Eagles Fly“, ein Song, der SAMMY HAGAR offenbar viel bedeutet und den er seiner Mutter widmet, wenn ich seine Ansage korrekt verstehe. „Encore, Thank You, Goodnight“ scheint das Set zu beschließen, alle drehen noch mal komplett am Rad. Doch es folgt eine weitere Überraschung: „We have a local guest here!“ Jason Bonham setzt sich (mit angeklebtem Bart?) ans Schlagzeug und die Band covert „Rock And Roll“, aber nicht nur das, SAMMY HAGAR holt den JAYLER-Sänger dazu, für den das ja ein Traum sein muss. Eine tolle Geste vom Red Rocker, dass er den Sänger der Vorband für den allerletzten Song auf die Bühne bittet!
Wahnsinn! Eines der besten Konzerte, das ich je sehen durfte. Was ich an SAMMY HAGAR, VAN HALEN und MONTROSE so mag, ist die Fähigkeit, eingängige Songs mit einem hohen musikalischen Niveau zu schreiben und zu spielen. Selten bis nie wird es zu platt, gleichzeitig habe ich nicht das Gefühl, dass einer der Musiker selbstverliebt herumfrickelt. Die wirkten spielfreudig und hatten Bock, sowas kann man nicht vortäuschen. Ganz großes Rock’n’Roll-Entertainment. Wird es in der Zukunft noch eine weitere Chance geben, SAMMY HAGAR live in Europa zu sehen? Ich wünsche es uns allen.
