DEAD MOON Night with Toody Cole & her Band, Jenny Don´t And The Spurs / 19.08.2026 – Hamburg, Nochtspeicher
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Montag, 24. August 2026 19:19
- Geschrieben von Doom Fränk
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Heute wird es legendär und das ist ausnahmsweise mal keine Übertreibung. Natürlich ist schon lange ausverkauft und auf die Straße vor dem Nochtspeicher stehen hunderte Menschen und halten selbstbeschriftete Schilder in die Höhe. „Suche Karten“, „Wer hat Ticket?“, „Wer hat Stein?“, „Verkaufe Opel Kadett C Coupé Bj 82“ und „All hail Dead Moon!!!“ ist auf diesen in bunten Farben geschrieben. Da stehen Menschen, die trotz aller Warnung nicht rechtzeitig ein Billett im Vorverkauf erworben haben. Menschen, die wissen, diese Chance gibt es nie wieder. Menschen - die wie du und ich - Dead Moon für - vielleicht - die Speerspitze der unkonventionellen, rebellischen, unangepassten uramerikanischen Garage- und Punk-Rock Musik halten. Dead Moon, eine Band mit einem Ruf wie einem Donnerhall, die aber dennoch keiner(!) jemals live gesehen hat, den ich kenne oder mit dem ich jemals sprach. Heute ist Toody Cole, das letzte lebende Mitglied von Dead Moon, in Hamburg und es gibt die volle Packung Dead Moon. Eins gleich nochmal vorweg: Das wird ein mega Abend werden! Also rechtzeitig los von die Arbeit und…..hin daaaaaaaaaaa!
Der Merchtable von Dead Moon wurde bereits bei den vorangegangenen 1 oder 2 Konzerten geplündert. Ein einziges T-Shirt in Größe M ist noch übrig, dazu einige wenige Baumwolltaschen mit dem Logo der Band. Nichtsdestotrotz steht da Jenny Don´t und lächelt wie immer auf die ihr eigene, übersympathische Weise. Mit Don´t – ihrer ersten Punk-Band – spielte sie mehrfach in die alte Bude, im Hafenklang und auch bei Meiers. Dabei war auch stets der leider inzwischen viel zu früh verstorbene Sam Henry, der natürlich auch bei den legendären Wipers und Napalm Beach trommelte. Auch mit dabei war Eric „The Vegetable“ Olson, den wir alle noch von mighty Poison Idea kennen. Last but not least der Tausendsasa Kelly Halliburton, mit dem Jenny dann auch Jenny Don´t & The Spurs gründete, die in Kiel außer in die alten Bude auch im Hansa48 auftraten. Nebenbei spielte Kelly auch bei den phantastischen P.R.O.B.L.E.M.S., die auch in die alte Bude zu sehen waren. Selbstverständlich auch bei Pierced Arrow – da schon zusammen mit Fred und Toody Cole – aber die waren nie in Kiel. Vermutlich nicht mal in Hamburg…aber das weiß ich nicht.
Das verrückte aber ist, dass all dies seine Wurzeln in einer Stadt hat: Portland, Oregon. Vergessen dürfen wir außer vielen anderen Bands natürlich nicht die allesamt großartigen Sleater-Kinney, Team Dresch, Bratmobile und Bikini Kill, die zum Teil ebenso aus Portland stammen oder zumindest aus dem gerade mal 100 Meilen entfernten Olympia im Bundesstaat Washington. Da wird man doch bekloppt!!! Der Pazifische Nordwesten der USA rules!!! Ich war mal in Portland, OR und fragte mich vorher, wie viele Dead Moon Logos oder Schriftzüge da wohl an die Häuserwände geschmiert sind. Die Antwort war ernüchternd: Keine. Aber nicht weit entfernt von der Amtrak Station war eines von Portland´s own Hazel – die Band mit Jody Bleyle, die auch bei Team Dresch spielt. Das nur kurz zu Portland, OR.
Der Nochtspeicher füllt sich rasch mit einem bunt gemischten Publikum, das von Kiffern über Hippies bis zu Punks und Death Rockern reicht. Jenny Don´t & The Spurs dürfen zuerst ran. Groß anstrengen müssen sie sich nicht, die Stimmung ist von selbst am Überkochen – es fehlte nur noch der Funke, der die Flamme entzündet und die Explosion auslöst. Und der ist mit dem ersten Akkord gleich da. Lauter Jubel und Applaus erklingt zwischen den Liedern, die im Vergleich zu früher doch erheblich rockiger daher kommen. Ob da Kelly Halliburton seine Finger im Spiel hatte? Immerhin ist er ja doch gelernter Punker und nicht studierter Cowboy. Unverwechselbar bleibt die Musik aber durch Jennys Stimme, die über den Gitarren und dem Schlagzeug schwebt. Diese verhindert auch, dass die Lieder in den Bereich des Outlaw-Countrys abgleiten, wiewohl die Instrumentierung dieses durchaus hergeben würde. Das ist jetzt aber keine Kritik, sondern eine bierseelige Erkenntnis. Als Cowpunk wird die Musik wohl inzwischen bezeichnet. Das passt irgendwie auch. Ich habe nebenbei vorher ganz gut einen getankt – heute eine absolute Punktladung. Das wird sich noch lohnen.
Nichtsdestotrotz steht so oder so eine Vorband vor uns, die endlich mal wieder richtig Spaß macht und die Reaktionen des Publikums sind eindeutig. Sogar eine Zugabe wird gefordert, aber der Zeitplan ist straff durchorganisiert und dieser gibt diese leider nicht her. Außerdem murmelt Jenny Don´t angeblich etwas von einem grünen Opel Kadett, der draußen vor dem Nochtspeicher wohl verkauft wird. Egal, ich denke, Jenny Don´t & The Spurs haben heute einige neue Fans gewonnen. Ich fand den Auftritt schon mal klasse. Ich höre seitdem auch wieder Don´t – die beiden Alben sind schon super!
Umbaupause! Plötzlich tippt mich eine ältere Dame an und möchte vorbei – das ist doch tatsächlich Toody Cole! Wir wechseln ein paar nette Worte. Für ihr Alter – da werden manche jetzt wieder schreien, weil es hier geschrieben steht – von 77 Jahren ist sie im Großen und Ganzen in absoluter Topform! Nur kurz ein paar Kabel hier und da reingesteckt und schon schnallt sie sich den Vox Teardrop Hollowbody Bass um, der meiner Meinung so ikonisch ist, dass er irgendwann in Portland in einem Museum ausgestellt werden muss. Aber ich hoffe, erst in sehr vielen Jahren!
Ich mache ja gern dumme Witze darüber, dass bei dem Open Air mit dem Spiel Casino auf dem Gelände der jüngste Musiker auf der Main Stage 120 Jahre alt ist. Mir ist – außer bei Andrew Eldritch von den Sisters – ja ansonsten die Wut und Arroganz der Jugend lieber als das Betagte aus einer gefühlt anderen Zeit. Das muss ich aber revidieren – Toody rockt auch im fortgeschrittenen Alter wie es ansonsten kein(e) 25-Jährige(r) schafft.
„Toody! Toody!“, rufen die Fans und alle in dem brechend vollen und heißen Raum wissen, wer gemeint ist. Mit ihr auf der Bühne Kelly Halliburton am Schlagzeug, der eben noch bei Jenny Don´t & The Spurs den 4-Saiter schrubbte. Ein absoluter Tausendsassa! Dazu an die Gitarre – nur mit einer anderen Kopfbedeckung – Christopher March, der eben auch schon spielte. Da machen ja 2/3 auf die Bühne heute eine 2te Schicht! Überstunden sozusagen! Das ist doch irre….
Und alle drei machen einen riesigen Fehler! Das denke ich Ochse zumindest. Walking on my Grave, das vermeintlich beste Lied von Dead Moon, wird gleich als Opener gespielt!!! Like a lost Generation on LSD!!!! Aber die Entscheidung für diesen Opener war richtig! Es folgt von nun an Schlag auf Schlag! Es geht stimmungstechnisch nicht abwärts, sondern immer weiter der Eskalation – oder neudeutsch: dem Abriss – entgegen. Die hölzernen Balken des Speichers wackeln, das Publikum tobt, die Erde bebt. In Ermangelung weiterer originaler Bandmitglieder übernimmt Toody auch die Gesangsparts des leider verstorbenen Fred Cole – das macht sie aber absolut perfekt! Leicht ranzig, rauchig, so rausgerotzt ohne irgendwelche überflüssigen Sangestechniken schreit sie uns die Texte über persönliche Freiheit, dem Aussteigen aus Konventionen, von tiefer Liebe, Freundschaft und dem Überstehen von schweren Zeiten entgegen.
Großartig, großartig, großartig! Wäre die Welt etwas gerechter, wären Dead Moon 100 mal größer als die Beatles geworden. Aber wollten sie dies überhaupt? Ich denke nein, da war diese kleine Nische für sie und für diese waren sie dankbar! Die Fans sind es auch! Überall wird der Auftritt gefilmt – das kann man mögen oder nicht – aber hier wird heute Abend an genau diesem Ort Hamburger Musikgeschichte geschrieben und wir sind dabei!
Viele der aufgebrachten Fans fordern lautstark - des absehbaren Endes wegen - einen weiteren Auftritt am nächsten Abend und drohen, ansonsten das Inventar des Clubs kurz und klein zu schlagen. Musikalisch ist jedes Lied aber auch absolut super umgesetzt – ständig krachen die Becken und die Snare treibt die Lieder rücksichtslos vorwärts, die E-Gitarre jault, der Bass füllt den Raum. Es gibt einfach keinen einzigen Kritikpunkt heute Abend. Keinen. Nichts. Alles mehr als perfekt. All hail Dead Moon! Und Toody natürlich auch! Und Kelly und Christopher. Und Jenny auch! Und den Schlagzeuger der Spurs, mit dem ich vorher noch geiles Gesülze ausgetauscht habe. Obwohl der auch aus Portland kommt, hat er noch nie Jerry A zufällig auf der Straße getroffen. Irre, oder?
Das tieftraurige I hate the Blues besänftigt die überkochende Stimmung etwas und bei dem stadiontauglichen It´s ok stimmen wir alle darauf ein, dass wir viel mehr bekommen haben als was ursprünglich versprochen war. Ein wirklich ausgesprochen selten gutes Konzert, ein absolutes Highlight, das wirklich Bock macht, da mal ne ganze Tour zu begleiten. Ich schaue gerade…einziger noch offener Termin in Deutschland ist in Berlin…leider auch schon ausverkauft. Hm…könnte mich da ja auch vor den Club stellen wie die Hunderten, die selbst bis kurz vor Ende noch vor dem Nochtspeicher ausharren und auf ein Ticket hoffen. Immerhin hat aber angeblich ein grüner Kadett C eine(n) Käufer(in) gefunden. Am Ende des Konzerts gibt es genau eine Zugabe: 54/40 or Fight!!! Allright!!! Auch super! Wie alles!
Überall hören wir danach Stimmen, die sich auf genau ein Urteil einigen: Legendärer Abend, legendäres Konzert!

Kommentare
Ergänzung zur Historie: Dead Moon waren ein paarmal in Hamburg. 2001 hatte ich das Vergnügen, sie in der Fabrik zu sehen. Auch damals volle Hütte und legendärer Abend!
Gossip zu Don´t: Ihr letzter Auftritt im Goldenen Salon fiel mit dem Punkerstammtisch mit Tischtennisrundlauf ebenda zusammen. Nach der Show gab es ein Tischtennisrundlauf Match mit Jenny und ungesund vielen Kurzen!
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