MELTDOWN FESTIVAL VIII / 06 & 07.09.2019 – Schuby, Nordring

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Weiter geht’s mit der Aufarbeitung besuchter, aber bisher nicht reviewter Festivals und Konzerte! 2019 ging derart viel über die Bühne, dass ich mich spätestens nach den ersten Sommerfestivals in einem Reviewstau befand. Zustände, nach denen man sich jetzt angesichts von unfassbaren DREI MONATEN ohne Livemusik mit Sehnsucht zurückerinnert. Wobei sich die Frage erhebt: An was KANN ich mich eigentlich nach fast einem Jahr überhaupt erinnern? Zum ENZO-Festival fiel mir doch noch erstaunlich viel ein, nun folgt der nächste Selbstversuch: Hirn, enttäusch mich nicht! Was weißt du noch vom MELTDOWN 2019?

 

Ein Open Air im September, das ist gewagt. Das MELTDOWN 2019 wartet dann auch mit heftigen Temperaturschwankungen auf. Als wir ankommen, herrscht bestes Sommerwetter um die 30 Grad, abends wird es windig, nass und arschkalt, sodass du echt gekniffen bist, wenn du in der Euphorie nur mit Latschen, Badehose und T-Shirt losgeeiert bist. Wir sind zum Glück derart gut ausgerüstet, dass wir sogar Pullover verleihen können. Wir wollen straight aufs Gelände und vor die Bühne, werden aber von Bekannten aus Hamburg abgefangen und zu deren Camphood gelotst. Dort gibt es dann ordentlich Schnaps auf die Lampe, was das Unterfangen, ein Review zu schreiben, natürlich nicht leichter macht. MUMMLOX, TYSON und METHODS OF MASSACRE verquellen wir fast komplett, aber irgendwann geht’s dann auch mal zu den Bühnen.

 

Die letzten noch erlebten Töne von METHODS OF MASSACRE hake ich diplomatisch unter „nicht so mein Ding“ ab. Bereits THORNAFIRE lassen uns den Entschluss, zum MELTDOWN statt zum zeitgleich stattfindenden DEAF FOREVER BIRTHDAY BASH oder zum ANGELITER OPEN AIR gefahren zu sein, nicht bereuen. Die Chilenen machen ihrem Namen alle Ehre, sind sie doch wirklich hart on fire. Ihr rauer, aggressiver Death Metal wird mit Verve aus den Boxen geschleudert. Eine typische MELTDOWN-Band, die wir wohl den Kontakten von Moritz Paulsen und DIVIDE zu verdanken haben. THORNAFIRE sind bereits seit 1998 dabei und klingen dementsprechend souverän, gleichzeitig aber „hungrig“ und spielfreudig. Sehr geil!

 

Endlich mal wieder OPHIS sehen! Chefgrunzer Philipp verbreitet mit zynischen Ansagen wie „wer moshen will, ist hier falsch. wir spielen Doom Metal“ oder „der nächste Song ist von unserer schlecht verkauftesten Scheibe“ (er meint die geile Split mit OFFICIUM TRISTE – wer die tatsächlich noch nicht hat, sollte das nachholen!) gleich mal schlechte Laune. Nur für den Fall, dass sich hier Besucher*innen in Ganzkörper-Bananenkostümen vor die Bühne verirrt hätten. Ich genieße jede Sekunde und bange im herrlichen Zeitlupentakt. Ex-Drummer Niles ist übrigens auch vor Ort und gönnt sich die Show. Heute ernte ich auch endlich das „The Dismal Circle“-Album ab, aufgenommen übrigens beim ollen Carell in Kiel und versehen mit einem fies-düsteren Cover von Evelyn Steinweg. So, das Review hab ich jetzt schön mit Side-Facts gestreckt, aber was soll man sagen: Gelungener Death/Doom-Gig, OPHIS on top halt!

 

IRON SAVIOR habe ich richtig lange nicht mehr live sehen können. Nach den ersten Alben hatte ich die Band auch etwas aus den Augen verloren und frage mich heute: Wieso eigentlich? Tatsächlich überzeugen Piet Sielck und seine Jungs (heute mit Ersatzdrummer Sören von PARAGON) mit knackigen Heavy-Metal-Songs. Viele überzeugende Stücke stammen offenbar vom aktuellen Album „Kill Or Get Killed“, das gleich mal auf den Einkaufszettel wandert. Die Band ist motiviert, Piet Sielck haut ein paar launige Ansagen raus und so schließen IRON SAVIOR den ersten Festivaltag gelungen ab.

 

Jo, Zeitsprung und gleich zum zweiten Tag: Dauert etwas, bis wir uns wieder auf dem Gelände einfinden. Vom Occult Heavy Death der blutigen MAJAK (nicht zu verwechseln mit MAYAK) bekommen wir noch einen Rest mit. Not bad, but I’m still standing.

 

Hemmungslose Euphorie entfachen dagegen IRON KOBRA, deren letzte VÖ, die „Kerker & Drachen“-7“, den Ansatz weiterverfolgt, Heavy Metal mit deutschen Texten zu präsentieren und dabei musikalisch sowie textlich DDR-Pionieren wie FORMEL 1 Tribut zu zollen. Mit „Schall und Rauch“ ist IRON KOBRA wieder ein Volltreffer gelungen, der fast schon an „Wut im Bauch“ (ultra!) anzuknüpfen vermag. Die Maniacs vor der Bühne drehen dementsprechend gut am Rad, zumal IRON KOBRA nicht nur besten Heavy Metal bieten, sondern sich auch noch politisch gegen Faschos positionieren. Denn sie wissen: Wenn der Faschismus zurückkehrt, wird er sich nicht Faschismus, sondern Anti-Antifaschismus nennen. Ist ‘ne eigentlich simple Gleichung, die komischerweise vereinzelte Metalldumpfbacken überfordert: Anti-Antifa = Fa. Aber anyway, IRON KOBRA zählen neben INDIAN NIGHTMARE und OPHIS zu meinen MELTDOWN-Highlights. Heavy Metal! Wut im Bauch!

 

Zu MORBITORY geht’s zurück ins Zelt. Mensch, die Hamburger Death-Metal-Barbaren gefallen mir jedes Mal einen Tucken besser! Ihre Spielart dieses Genres ist an die erste US Death Metal-Welle angelehnt. Schön Old School, druckvoll und mit Groove sowie Growls von ganz unten. Wer MORBITORY mag, sollte unbedingt auch DAWN OF OBLITERATION anchecken, bei denen zwei der Jungs parallel auch zocken.

  

INDIAN NIGHTMARE ziehen dann wohl die meisten Menschen vor die Bühne. Völlig zu Recht, denn bei dieser Band stimmt halt von der Musik über die Darbietung bis hin zur Optik alles. Da mögen sich manche Musiker missgünstig äußern, aber Äußerungen wie „die ziehen nur wegen ihres Images so viele Leute“ entspringen halt blankem Neid. Und INDIAN NIGHTMARE liefern ja, das ist der Punkt! Wie geil sind bitte Riffs wie in „War-Metal-Punx“, „Bastions Of Nightmares“ oder „Set The Spirit Free“? Mit irrsinniger Geschwindigkeit bolzen die Freaks aus Indonesien, Italien, der Türkei und Mexiko ihre Songs herunter, Frontsirene Poison Snake kreischt dazu wie besessen. Die antikolonialistische Botschaft kommt noch obendrauf: TAKING BACK THE LAND! Wie schon auf dem Wilwarin drei Monate zuvor der totale Triumphzug.

 

Erfreulicherweise schaffen es zusehends mehr Bands aus Ländern, die früher leider völlig abgehängt schienen, nach Europa. GODLESS kommen aus Indien, das wäre noch vor 20 Jahren völlig sensationell gewesen, mittlerweile hat man immerhin schon KRYPTOS und AGAINST EVIL hier sehen können. GODLESS spielen Death Metal mit leichten Thrash-Elementen. Die Chose könnte für meinen Geschmack etwas aggressiver kommen, Pluspunkte sind die bisweilen an John Tardy erinnernden Vocals sowie die morbide Grundatmosphäre.

 

Mit MADHOUSE kommt nun eine Band, die 1987 in Hamburg gegründet wurde. Ich meine auch, dass ich sie damals auf einem von den Tipsy Apes organisierten Konzert gesehen habe. Zwischen 1990 und 2014 war die Band allerdings aufgelöst, sodass die mehrfachen Ansagen von Sänger Didi Shark im Sinne von „Heavy/Thrash Metal seit 1987“ die eigene Bandgeschichte etwas aufbauschen. Aber gut, natürlich ist es ein Bonus, wenn eine Bands Roots bis in die 80er hat. MADHOUSE haben enorm viel Pyros abzufackeln, was einerseits für nette optische Effekte sorgt. Andererseits zieht der ständige Einsatz von Flammensäulen etc. verstärkte Sicherheitsauflagen mit sich – die Absperrung wird derart weit nach vorne verlegt, dass das Publikum absurd weit weg steht. Das drückt die Stimmung doch ein bisschen, zumal es wieder ungemütlich kalt geworden ist. Die zwischen Heavy und Speed Metal angesiedelten Songs der Hamburger donnern aber angenehm zeitlos und ohne Schnörkel ins Ohr.

 

Yeah, auch in diesem Fall hat es Spaß gemacht, sich gedanklich um fast ein Jahr zurückzuversetzen und die Erinnerungen zu reaktivieren. Trotz unzähliger danach gesehener Konzerte ist das Meltdown 2019 eben gut in Erinnerung geblieben. Liebevoll organisiert, mit Herzblut durchgezogen. Hoffen wir auf die Rückkehr 2021!

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